Warum Klimatechnologie in der Schweiz zu einer strategischen Finanzierungspriorität geworden ist

Schweizer Klima- und Cleantech-Startups zogen 2023 einen grossen Teil des Risikokapitals an und sicherten sich trotz eines ansonsten schwierigen Finanzierungsumfelds starke Investitionen. Um die Netto-Null-Ziele der Schweiz bis 2050 zu erreichen, sind weitaus höhere jährliche Investitionen in den Bereichen Energie, Gebäude und Industrie erforderlich, was eine grosse Finanzierungslücke deutlich macht, die zu einer stärkeren Unterstützung für saubere Technologien führt.

Im Jahr 2023 haben Schweizer Klima- und Cleantech-Startups laut dem Swiss Venture Capital Report mehr als 1,8 Milliarden Schweizer Franken an Risikokapital angezogen, was trotz eines starken Rückgangs des Gesamtmarktes etwa einem Drittel aller Start-up-Finanzierungen im Land entspricht. Gleichzeitig schätzt das Bundesamt für Umwelt, dass zur Erreichung des Netto-Null-Ziels der Schweiz bis 2050 jährliche Investitionen in Höhe von 30 bis 35 Milliarden CHF in Energiesysteme, Gebäude und industrielle Prozesse erforderlich sind. Das Ausmass dieser Finanzierungslücke erklärt, warum öffentliche Finanzierungsinstrumente, gezielte Accelerators und privates Kapital sich auf saubere Technologien konzentrieren und Klimainnovationen zu einer strategischen Säule der Schweizer Wirtschaftspolitik machen.

Öffentliche Finanzierung als Mechanismus zur Risikoteilung

Öffentliche Finanzierungsrahmen bilden das Rückgrat der Schweizer Cleantech-Finanzierungslandschaft. Anstatt sich in erster Linie auf direkte Subventionen zu stützen, sind die Instrumente des Bundes darauf ausgelegt, private Investitionen risikoärmer zu machen und den Markteintritt zu beschleunigen. Das bekannteste Beispiel ist der im Auftrag der Eidgenossenschaft verwaltete Technologiefonds. Der im Rahmen des CO₂-Gesetzes eingerichtete Fonds gewährt Darlehensgarantien von bis zu 3 Millionen CHF pro Unternehmen für Technologien, die nachweislich zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen beitragen. Bis Ende 2024 hatte der Fonds laut offiziellen Angaben Garantien in Höhe von über 400 Millionen CHF für mehr als 100 Unternehmen ausgegeben.

Die wirtschaftliche Logik ist einfach. Kapitalintensive Klimatechnologien haben in der frühen Phase der Kommerzialisierung, wenn die Einnahmen begrenzt sind und technische Risiken bestehen, oft Schwierigkeiten, Bankfinanzierungen zu erhalten. Kreditgarantien senken die Finanzierungskosten und verlängern die Laufzeiten, sodass Unternehmen ohne übermäßige Verwässerung des Eigenkapitals in Pilotanlagen, Softwareskalierung oder Produktionskapazitäten investieren können. Aus Sicht der öffentlichen Finanzen begrenzt der bedingte Charakter von Garantien das finanzielle Risiko und zieht gleichzeitig privates Kapital an.

Ergänzt wird dieses Instrument durch Innovationsagenturen auf Bundes- und Kantonsebene, die Fördermittel, Coaching und Projektfinanzierungen bereitstellen. Innosuisse, die Schweizer Innovationsagentur, hat zwischen 2021 und 2024 mehr als 1 Milliarde CHF für angewandte Forschung und Start-up-Förderung bereitgestellt, wobei Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit zu den am schnellsten wachsenden Themenbereichen zählen. Diese Programme verbinden Start-ups mit Universitäten und Unternehmenspartnern und sorgen dafür, dass öffentliche Forschungsgelder in kommerziell nutzbare Technologien umgesetzt werden.

Startkapital und strukturierte Beschleunigung

Während öffentliche Garantien die Skalierung unterstützen, sind Unternehmen in der Frühphase auf nicht verwässerndes Kapital und strukturierte Beratung angewiesen. Klimafokussierte Accelerators haben als Vermittler zwischen öffentlicher Finanzierung und privaten Investitionen an Bedeutung gewonnen. Das von kommunalen und kantonalen Akteuren unterstützte KlimUp-Programm bietet Start-ups in der Frühphase eine Anschubfinanzierung von zunächst 35.000 CHF und Zugang zu einer Kofinanzierung von bis zu CHF K. Diese Struktur spiegelt eine Verlagerung der Schweizer Innovationspolitik hin zu Blended Finance wider, bei der öffentliche Mittel private Investitionen katalysieren, ohne starre Eigentumsstrukturen vorzuschreiben.

Auch breiter positionierte Acceleratoren spielen eine wichtige Rolle. MassChallenge Switzerland mit Sitz in Zürich und Lausanne unterstützt Start-ups aus verschiedenen Branchen, hat jedoch seinen Fokus zunehmend auf Klima- und Energielösungen verlagert. Seit seiner Gründung hat das Programm nach eigenen Angaben mehr als 7 Millionen CHF an nicht verwässernden Fördermitteln verteilt und weltweit Folgefinanzierungen in Höhe von über 10 Milliarden CHF ermöglicht. Für Schweizer Cleantech-Gründer ist der Zugang zu internationalen Mentoren und Unternehmenspartnern oft genauso wertvoll wie Kapital, insbesondere wenn sie über den heimischen Markt hinaus expandieren möchten.

Diese Programme befassen sich mit einer strukturellen Herausforderung im Bereich der Klimainnovation. Laut einer Analyse der OECD sehen sich Cleantech-Startups mit längeren Entwicklungszyklen und höheren Vorabkapitalanforderungen konfrontiert als digitale Unternehmen. Accelerator-Modelle, die technische Validierung, regulatorische Beratung und Zugang zu Investoren kombinieren, tragen dazu bei, die Markteinführungszeit zu verkürzen und das Ausführungsrisiko zu verringern.

Internationalisierung als Finanzierungsstrategie

Angesichts des begrenzten Binnenmarktes der Schweiz ist internationale Sichtbarkeit für das Wachstum von Cleantech-Unternehmen von entscheidender Bedeutung. Das Venture Leaders Cleantech-Programm von Venturelab ist ein Beispiel dafür, wie exportorientierte Finanzierungshilfen in das Ökosystem integriert wurden. Jedes Jahr nimmt eine ausgewählte Gruppe von Start-ups an internationalen Roadshows teil, in der Regel in den Vereinigten Staaten und Asien, wo sie institutionelle Investoren, Industriepartner und politische Entscheidungsträger treffen. Alumni-Daten zeigen, dass Venture-Leaders-Unternehmen ihre Mitbewerber in Bezug auf Kapitalbeschaffung und internationales Umsatzwachstum durchweg übertreffen, was auf ihre frühe Präsenz auf den globalen Märkten zurückzuführen ist.

Regionale Netzwerke verstärken diese Außenorientierung. CleantechAlps, unterstützt von den Kantonen der Westschweiz, fördert die Zusammenarbeit zwischen Start-ups, Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen in den Kantonen Waadt, Genf und Wallis. Die Region profitiert von der Nähe zur EPFL, die allein zwischen 2018 und 2023 mehr als 25 Spin-offs im Bereich Cleantech hervorgebracht hat. Akademische Forschung, öffentliche Förderung und industrielle Nachfrage kommen in einem geografisch kompakten Gebiet zusammen, was die Koordinationskosten senkt und Innovationszyklen beschleunigt.

Risikokapital verlagert sich in Richtung Klimalösungen

Privates Kapital bleibt entscheidend, sobald Technologien die Pilotphase hinter sich haben. Obwohl die europäischen Risikokapitalmärkte traditionell konservativ sind, haben Schweizer Investoren in den letzten zehn Jahren ihre Investitionen in Klimatechnologie erhöht. Der Swiss Venture Capital Report zeigt, dass sich das Investitionsvolumen in Cleantech zwischen 2015 und 2023 mehr als verdreifacht hat, während die Finanzmittel für Start-ups im Konsumgüter- und Fintech-Bereich zurückgegangen sind.

Climeworks ist das sichtbarste Beispiel dafür. Das in Zürich ansässige Unternehmen für direkte Luftabscheidung hat in mehreren Finanzierungsrunden mehr als 800 Millionen US-Dollar aufgebracht, darunter auch Unterstützung von internationalen institutionellen Investoren. Obwohl sein Kapitalbedarf aussergewöhnlich hoch ist, hat dieser Fall die Wahrnehmung dessen, was in der Schweiz finanzierbar ist, verändert und gezeigt, dass hardwareintensive Klimalösungen globales Kapital anziehen können, wenn die technologische Glaubwürdigkeit und die politische Ausrichtung stark sind.

Das Interesse der Investoren zeigt sich auch in früheren Phasen. Fonds, die sich auf Klima- und Impact-Investments spezialisiert haben, berichten von einem zunehmenden Dealflow aus der Schweiz, insbesondere in den Bereichen Energiesoftware, Kreislaufwirtschaft und industrielle Effizienz. Plattformen wie CapiWell sind entstanden, um Start-ups in der Wachstumsphase mit Family Offices und institutionellen Investoren zusammenzubringen und so die anhaltende Lücke zwischen Startkapital und großen Venture-Runden zu schließen. Diese Vermittlungsfunktion spiegelt ein reifendes Ökosystem wider, in dem Kapitalgeber und Unternehmer enger zusammenarbeiten.

Erkenntnisse aus Schweizer Cleantech-Scale-ups

Mehrere Schweizer Unternehmen veranschaulichen, wie Finanzierungsinstrumente über Entwicklungsphasen hinweg zusammenwirken. DePoly, ein Spin-off der EPFL, das sich auf das chemische Recycling von PET-Kunststoffen konzentriert, sicherte sich Startkapital von privaten Investoren und öffentlichen Innovationszuschüssen, bevor es internationales Kapital für den Bau einer Demonstrationsanlage im Wallis gewann. Laut dem Bundesamt für Umwelt fallen in der Schweiz jährlich rund 1 Million Tonnen Kunststoffabfälle an, wodurch fortschrittliche Recyclingtechnologien wirtschaftlich und politisch relevant werden.
SmartHelio mit Sitz in Lausanne entwickelt Vorhersagesoftware zur Optimierung der Leistung von Solaranlagen. Mit Unterstützung des Technologiefonds hat das Unternehmen seine Plattform auf internationale Märkte ausgeweitet und befasst sich mit Effizienzverlusten, die laut Branchenstudien ohne fortschrittliche Überwachung über die gesamte Lebensdauer einer Solaranlage bis zu 15 % betragen können. Durch die Verbesserung der Anlagenleistung trägt diese Software zu den Zielen der Schweiz im Bereich der erneuerbaren Energien im Rahmen der Energiestrategie 2050 bei.

Die Smart-me AG bietet eine andere Perspektive, indem sie sich eher auf die digitale Infrastruktur als auf die Energieerzeugung konzentriert. Ihre cloudbasierten Smart-Metering-Systeme ermöglichen die Echtzeitüberwachung des Strom-, Wärme- und Wasserverbrauchs. Da Gebäude laut Bundesamt für Energie rund 40 % des Endenergieverbrauchs der Schweiz ausmachen, werden detaillierte Daten für die Effizienzpolitik und dynamische Preismodelle immer wichtiger. Dank öffentlicher Unterstützung konnte das Unternehmen seine Implementierungen bei Versorgungsunternehmen und Kommunen ausweiten und politische Ziele in operative Instrumente umsetzen.

Strukturelle Zwänge und politische Kompromisse

Trotz der starken Dynamik ist die Finanzierungslandschaft mit Einschränkungen konfrontiert. Klimatechnologien erfordern oft geduldiges Kapital, während Risikokapitalfonds in der Regel mit kürzeren Renditehorizonten arbeiten. Öffentliche Garantien und Zuschüsse mildern diese Diskrepanz, können jedoch langfristige private Finanzierungen nicht vollständig ersetzen. Pensionsfonds und Versicherungen, die Vermögenswerte von über 2 Billionen CHF verwalten, bleiben aufgrund regulatorischer und risikobezogener Überlegungen vorsichtig, was den Pool an inländischem Kapital für die Spätphase begrenzt.

Auch die administrative Komplexität wirkt sich auf den Zugang aus. Start-ups nennen häufig den Zeit- und Ressourcenaufwand für die Bearbeitung mehrerer Förderprogramme als Hindernis, insbesondere für kleine Teams. In politischen Überprüfungen durch das Staatssekretariat für Wirtschaft wurde dieses Problem anerkannt und eine bessere Koordinierung sowie vereinfachte Antragsverfahren empfohlen.

Kompetenzen und Governance stellen weitere Herausforderungen dar. Die Skalierung von Klimatechnologien erfordert nicht nur technisches Fachwissen, sondern auch Kenntnisse im Bereich der Regulierung und internationale Geschäftskompetenzen. Programme, die unternehmerische Ausbildung mit technischer Finanzierung verbinden, weisen höhere Erfolgsraten auf, was darauf hindeutet, dass der Aufbau von Kapazitäten ebenso wichtig ist wie die Bereitstellung von Kapital.

Ein optimiertes Finanzierungsmodell mit strategischer Ausrichtung

Das Schweizer Ökosystem zur Finanzierung von Cleantech-Unternehmen wird nicht mehr durch isolierte Fördermittel oder Vorzeige-Startups geprägt. Es funktioniert als integrierte Architektur, in der öffentliche Instrumente frühe Risiken absichern, Accelerators Unternehmen professionalisieren und privates Kapital bewährte Lösungen skaliert. Dieses Modell spiegelt die strategische Entscheidung wider, die Klimapolitik mit der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Einklang zu bringen.

Angesichts steigender Investitionsbedürfnisse im Klimabereich und knapper werdender finanzieller Spielräume wird die Wirksamkeit dieser Architektur auf die Probe gestellt werden. Die bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass Risikoteilungsmechanismen und gezielte Beschleunigungsmassnahmen erhebliche private Kapitalmittel mobilisieren können, ohne die Märkte zu verzerren. Wenn die regulatorische Klarheit und die Koordinierung der Finanzierung weiter verbessert werden, ist die Schweiz gut positioniert, um ihre Klimaziele in exportfähige Technologien und dauerhaften wirtschaftlichen Wert umzusetzen.

Referenzen (APA)

  • Bluelion. (2025) Überblick über das Förderprogramm für Klimaschutz-Startups „KlimUp“. URL: https://bluelion.ch/klimup/
  • Bundesamt für Energie. (2025) Innovationsförderung im Energiesektor – Überblick. URL: https://www.bfe.admin.ch/bfe/en/home/research-and-cleantech/ueberblick-innovationsfoerderung.html
  • Swiss Startup Association. (2025) Nachhaltigkeitsleitfaden für Startups, einschließlich Cleantech-Inkubatoren und Finanzierung. URL: https://swissstartupassociation.ch/startups/checklists-guides-more/sustainability-guide-for-startups/
  • Venturelab. (2025) Venture Leaders Cleantech Roadshow und Programm zur Einbindung von Investoren. URL: https://www.venturelab.swiss/Venture-Leaders-Cleantech-build-global-connections-on-Munich-Roadshow/
  • DeepTech Nation. (2025) Trends bei Investitionen in Klimatechnologie und Energie im Bereich Schweizer Innovation. URL: https://deeptechnation.ch/focus-sectors/climate-tech/
  • CapiWell. (2025) Zusammenfassung zu Schweizer Cleantech-Startups und Investitionsmöglichkeiten. URL: https://capiwell.ch/swiss-cleantech-startups-investment-opportunities-in-climate-innovation/
  • Technologiefonds. (2025) Kreditgarantieinstrument des Technologiefonds für Unternehmen im Bereich klimawirksamer Technologien. URL: https://www.kmu.admin.ch/kmu/en/home/concrete-know-how/finances/financing/public-aid/technology-fund.html
  • CleantechAlps. (2025) Überblick über regionale Cleantech-Fördernetzwerke. URL: https://ggba.swiss/en/key-industries/cleantech/

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