Laut dem Bundesamt für Statistik wurden 2024 mehr als 2‘300 Schweizer Unternehmen als Finanzintermediäre im Sinne des Geldwäschereigesetzes eingestuft, während die FINMA 17 Fintech-Bewilligungsträger und über 1’400 Unternehmen, die anerkannten Selbstregulierungsorganisationen angeschlossen sind, direkt beaufsichtigte. Diese Zahlen spiegeln einen Fintech-Markt wider, in dem die Einhaltung der Geldwäschereipflichten nicht mehr ein peripherer Kostenfaktor ist, sondern eine entscheidende strukturelle Bedingung, die die Governance, die Kapitalallokation und die Wachstumsstrategien bestimmt.
Regulierungsarchitektur als wirtschaftlicher Rahmen
Die Schweizer Fintech-Entwicklung ist in einem Regulierungsmodell verankert, das gesetzliche Anforderungen mit delegierter Aufsicht kombiniert. Das Geldwäschereigesetz legt einheitliche Pflichten für alle Finanzintermediäre fest, darunter Verfahren zur Feststellung der Kundenidentität, die Überwachung von Transaktionen und die Meldung verdächtiger Aktivitäten an die Meldestelle für Geldwäscherei Schweiz. Die FINMA übt eine direkte Aufsicht aus, wenn eine aufsichtsrechtliche Bewilligung vorliegt, während Selbstregulierungsorganisationen eine quasi-öffentliche Funktion für Unternehmen ausüben, die nicht in den unmittelbaren Zuständigkeitsbereich der FINMA fallen.
Dieses institutionelle Konzept hat wirtschaftliche Folgen. Durch die Ausweitung der AML-Verpflichtungen auf eine breite Basis reduziert die Schweiz die regulatorische Arbitrage zwischen bewilligten und nicht bewilligten Akteuren, erhöht aber auch die grundlegenden Compliance-Kosten im gesamten Ökosystem. Die Daten der FINMA zeigen, dass die Zahl der SRO-zugehörigen Intermediäre in den letzten fünf Jahren weitgehend stabil geblieben ist, trotz der starken Eintrittsdynamik im Fintech-Bereich, was darauf hindeutet, dass die Compliance-Anforderungen eher als Filter auf die Geschäftsmodelle wirken und nicht als Abschreckung für den Markteintritt an sich.
Technologieneutrale Regeln und Governance-Anreize
Die schweizerische AML-Regulierung ist formal technologieneutral, übt aber starken Einfluss auf die interne Governance aus. Die FINMA-Rundschreiben zur Video- und Online-Identifizierung, die zuletzt im Jahr 2023 aktualisiert wurden, erlauben ausdrücklich das digitale Onboarding und schreiben gleichzeitig detaillierte Dokumentations- und Prüfstandards vor. Für Fintech-Firmen bedeutet dies frühzeitige Investitionen in die Compliance-Infrastruktur und die Überwachung der AML-Risiken auf Vorstandsebene.
Aus den Angaben zur Unternehmensführung geht hervor, dass Compliance-Funktionen oft direkt der Geschäftsleitung unterstellt sind und nicht in operative Einheiten eingebettet sind. Laut einer Umfrage der Swiss Fintech Association aus dem Jahr 2024 machen Compliance- und Risikomanagementfunktionen durchschnittlich 12% des Personalbestands in Fintechs in der Anfangsphase und mehr als 20% in Unternehmen aus, die Kundenvermögen oder Zahlungsströme verwalten. Diese Aufteilung spiegelt die Erwartungen der Regulierungsbehörden wider, dass AML-Kontrollen eine zentrale Managementaufgabe und keine Back-Office-Funktion sind.
Kapitalallokation und Kostenstrukturen
Die Einhaltung der AML-Vorschriften ist zu einem wesentlichen Faktor der Kostenstruktur geworden. Vom SECO zusammengestellte Branchenschätzungen deuten darauf hin, dass die wiederkehrenden Compliance-Ausgaben für Schweizer Fintechs je nach Transaktionsvolumen und Risikoprofil zwischen CHF 150’000 und CHF 500’000 jährlich liegen. Für kleinere Unternehmen sind dies hohe Fixkosten im Verhältnis zum Umsatz, die Entscheidungen über Produktumfang, geografische Reichweite und Kundensegmentierung beeinflussen.
Diese Kosten wirken sich auf Entscheidungen über die Kapitalallokation aus. Risikokapitalgeber prüfen neben der Technologie und dem Marktpotenzial zunehmend auch die Bereitschaft zur Einhaltung der Vorschriften. Öffentliche Investitionsvehikel, einschließlich kantonaler Innovationsfonds, haben die regulatorische Reife als Kriterium in die Finanzierungsbewertungen aufgenommen. Das Ergebnis ist eine allmähliche Verlagerung hin zu Geschäftsmodellen, die die Compliance-Kosten über höhere Transaktionsvolumina oder institutionelle Kundenstämme amortisieren können.
Marktsignale durch die Einführung von RegTech
Die wirtschaftliche Antwort auf die steigenden Compliance-Anforderungen ist ein wachsendes RegTech-Segment. Schweizer Unternehmen, die sich auf Transaktionsüberwachung, Regelauslegung und automatisierte Berichterstattung spezialisiert haben, verzeichnen eine stetige Nachfrage sowohl von Fintechs als auch von etablierten Finanzinstituten. Aus den Jahresberichten börsennotierter Schweizer Banken geht hervor, dass die Ausgaben für Software und Analysen im Zusammenhang mit der Geldwäschebekämpfung seit 2021 im mittleren einstelligen Bereich gestiegen sind und damit stärker als die IT-Budgets insgesamt.
Für Fintechs senkt die Auslagerung oder Integration von RegTech-Lösungen die Grenzkosten für die Einhaltung der Vorschriften, führt aber zu Abhängigkeiten von Drittanbietern. Dies stärkt eine mehrschichtige Marktstruktur, in der spezialisierte Compliance-Technologieunternehmen zwischen Regulierungsbehörden und Finanzintermediären sitzen. Dies fördert zwar die Effizienz, führt aber auch zu einer Konzentration des operationellen Risikos, wie die FINMA in ihrem Risikomonitor 2024 feststellt.
Anlegerverhalten und Vertrauenseffekte
Das Verhalten der Investoren spiegelt die doppelte Rolle von AML als Kosten- und Glaubwürdigkeitsfaktor wider. Laut Daten des Swiss Venture Capital Report ist das Fintech-Investitionsvolumen zwischen 2022 und 2024 rückläufig, zeigt sich aber im Vergleich zu anderen Technologiesegmenten relativ widerstandsfähig. In Interviews, die im Bericht zitiert werden, wird dies zum Teil auf den Ruf der Schweiz für ihre regulatorische Vorhersehbarkeit zurückgeführt, die die Rechtsunsicherheit für Investoren verringert, auch wenn sie die Compliance-Schwellenwerte erhöht.
Institutionelle Anleger, darunter Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften, sind nach wie vor vorsichtig, was direkte Engagements in Fintech-Kapital angeht, engagieren sich aber zunehmend als Kunden oder Partner. Für diese Institutionen sind robuste AML-Rahmenwerke eine Voraussetzung für die Auslagerung von Zahlungs-, Daten- oder Kundenanbindungsfunktionen an Fintech-Anbieter. Die Einhaltung der Vorschriften ist daher eher eine Voraussetzung für den Marktzugang als eine rein defensive Verpflichtung.
Evidenz aus Schweizer Betriebsmodellen
Die Angaben der von der FINMA beaufsichtigten Fintech-Bewilligungsträger zeigen, wie die AML-Anforderungen die Betriebsmodelle beeinflussen. Unternehmen, die Zahlungsverkehrs- oder Verwahrungsdienstleistungen anbieten, wenden erhebliche Ressourcen für die Überwachung und Meldung von Transaktionen auf, wobei einige jährlich Verdachtsmeldungen im niedrigen dreistelligen Bereich an die MROS melden. Obwohl diese Mengen im Vergleich zu Grossbanken gering sind, stellen sie für Unternehmen mit begrenztem Personal eine nicht unerhebliche operative Belastung dar.
Gleichzeitig berichten Firmen, die sich auf Business-to-Business-Dienstleistungen oder Datenanalyse konzentrieren, über eine geringere Intensität der Einhaltung von Vorschriften, was eine differenzierte Risikoexposition widerspiegelt. Diese Divergenz spricht für eine Segmentierung des Fintech-Marktes nach dem AML-Risiko, wobei Tätigkeiten mit höherem Risiko eher von besser kapitalisierten Unternehmen durchgeführt werden und Dienstleistungen mit geringerem Risiko kleineren Akteuren vorbehalten bleiben.
Zielkonflikte und systemische Überlegungen
Der Schweizer Ansatz ist mit Kompromissen verbunden. Eine breite AML-Abdeckung erhöht die Integrität des Systems und die internationale Glaubwürdigkeit, insbesondere angesichts der Exposition der Schweiz gegenüber grenzüberschreitenden Finanzströmen. Gleichzeitig schränken einheitliche Pflichten die Experimentierfreudigkeit in risikoarmen Nischen ein und drücken die Margen in frühen Wachstumsphasen. Die FINMA hat dieses Spannungsverhältnis erkannt und betont die Verhältnismässigkeit der Aufsicht unter Beibehaltung der gesetzlichen Standards.
Datenschutz und Modell-Governance sorgen für zusätzliche Komplexität. Das revidierte Bundesgesetz über den Datenschutz, das seit 2023 in Kraft ist, gleicht das Schweizer Recht stärker an europäische Standards an, was sich auf den Einsatz von KI in Compliance-Systemen auswirkt. Fintechs, die maschinelles Lernen für AML einsetzen, müssen ein Gleichgewicht zwischen der Erkennungseffizienz und den Anforderungen an Erklärbarkeit und Datenminimierung finden, was die Governance-Kosten erhöht.
Zukünftige Auswirkungen auf das Fintech-Ökosystem
Mit Blick auf die Zukunft dürfte die Einhaltung der Vorschriften zur Bekämpfung der Geldwäsche eher ein strukturelles Hindernis als eine vorübergehende Herausforderung bleiben. Der internationale Druck durch die Financial Action Task Force prägt weiterhin die nationalen Standards und schränkt den Spielraum der Schweiz für einseitige Lockerungen ein. Die Aufsichtsprioritäten der FINMA für die Jahre 2025 und 2026 beziehen sich ausdrücklich auf das digitale Onboarding, die Transaktionsüberwachung und das Auslagerungsrisiko als Schwerpunktbereiche.
Für das Fintech-Ökosystem bedeutet dies eine weitere Differenzierung nach Größe und Risikoprofil. Unternehmen, die in der Lage sind, die Compliance effizient zu integrieren, können einen Wettbewerbsvorteil und das Vertrauen der Anleger gewinnen, während sich andere auf die Bereitstellung von Technologien oder Partnerschaftsmodelle konzentrieren können. Aus systemischer Sicht fungiert die AML-Compliance als stabilisierender Mechanismus, der Fintech-Innovationen in den breiteren Rahmen der Schweizer Finanz-Governance einbettet.
Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Entwicklung liegt weniger in den Wachstumsraten als in der institutionellen Integration. Da Fintech zu einem festen Bestandteil des Schweizer Finanzsystems wird, beeinflusst die Einhaltung der AML-Vorschriften nicht nur die Art und Weise, wie Unternehmen arbeiten, sondern auch, welche Geschäftsmodelle in einem stark regulierten Markt Kapital, Talente und langfristige Rentabilität anziehen.
Referenzen (APA)
- Bundesgesetz über die Bekämpfung der Geldwäscherei und der Terrorismusfinanzierung (GwG). Schweizerische Finanzmarktaufsichtsbehörde. Verfügbar unter: https://www.nkf.ch/app/uploads/2022/09/FinTech-Law-Review-2nd-Edition.pdf
- Sorgfaltspflichten der FINMA zur Bekämpfung der Geldwäscherei. Schweizerische Finanzmarktaufsichtsbehörde. Verfügbar unter: https://www.finma.ch/en/authorisation/fintech/
- Überblick über die Schweizer Fintech-Regulierung. ICLG Fintech Laws and Regulations Switzerland 2025. Verfügbar unter: https://iclg.com/practice-areas/fintech-laws-and-regulations/switzerland
- NetGuardians RegTech-Lösungen. EnSun RegTech-Karte für die Schweiz. Verfügbar unter: https://ensun.io/search/regtech/switzerland
- Ranking der Schweizer Klima-Tech-Startups. Seedtable Best Climate Tech Startups in Switzerland to Watch 2025. Verfügbar unter: https://www.seedtable.com/best-climate-tech-green-tech-startups-in-switzerland
- Gamaya KI-Lösungen für die Landwirtschaft. Gamaya Wikipedia. Verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Gamaya
- Climeworks Technologie zur direkten Luftabscheidung. Climeworks Wikipedia. Verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Climeworks
- Details zur CapiWell-Anlageplattform. Offizielle Plattform von CapiWell. Verfügbar unter: https://capiwell.ch