Die Schweiz beginnt, ihren Umgang mit Plastikmüll zu überdenken. Jahrelang landeten die meisten Kunststoffe trotz des Rufs des Landes für effizientes Abfallmanagement in Verbrennungsanlagen. Jetzt schaffen neue Sammelsysteme, ein wachsendes öffentliches Bewusstsein und eine Welle von Cleantech-Innovationen die Voraussetzungen für einen stärker kreislauforientierten Ansatz. Bei einem jährlichen Verbrauch von fast 1 Million Tonnen Kunststoff haben selbst geringfügige Änderungen in der Recyclingpraxis wirtschaftliche und ökologische Auswirkungen. Was einst als unlösbares Problem galt, wird nun zu einem Bereich mit industriellen Chancen.
Eine seit langem bestehende Kluft zwischen Verbrauch und Recycling
Jahrzehntelang recycelte die Schweiz nur einen kleinen Teil ihrer Kunststoffabfälle. Nationale Daten zeigen, dass etwa 9 Prozent verwertet wurden, während rund 83 Prozent zur Energiegewinnung oder Zementherstellung verbrannt wurden. Das Land produzierte jährlich etwa 790’000 Tonnen Kunststoffabfälle, ein Grossteil davon in kurzlebigen Verpackungen. Der Ruf der Schweiz als sauberes Land verschleierte eine einfache Tatsache: Kunststoffe flossen nicht im Kreislauf, sondern in einer geraden Linie vom Verbrauch zur Verbrennung. Im Vergleich zu mehreren europäischen Nachbarländern hinkte die Schweiz bei der Schaffung einer echten Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe hinterher.
Neue Technologien rücken in den Fokus
Die Dynamik nahm zu, als die Kommunen ihre Sammelbemühungen ausweiteten. Im Jahr 2024 wurden im Rahmen des Programms ’Bring Plastic Back» rund 9'090 Tonnen Kunststoff gesammelt. Die bedeutendste Veränderung kam jedoch durch technologische Innovationen zustande. DePoly, ein 2020 von Wissenschaftlern mit Schweizer Forschungshintergrund gegründetes Cleantech-Unternehmen, entwickelte ein chemisches Recyclingverfahren, das PET- und Polyesterabfälle in Monomere von Neugutqualität zerlegt. Die Technologie kann sowohl unsortierte und verunreinigte Kunststoffe als auch Textilien verarbeiten. Sie produziert Rohstoffe, die für die Neuproduktion geeignet sind.
Derzeit wird in Monthey eine Vorzeigeproduktionsanlage mit einer geplanten Kapazität von 500 Tonnen pro Jahr gebaut. Die Inbetriebnahme ist für 2025 vorgesehen. Bei Erfolg könnte diese Anlage der Schweizer Industrie helfen, den Materialkreislauf zu schließen und die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu verringern.
Marktsignale aus der Schweiz und Europa
Der jährliche Kunststoffverbrauch in der Schweiz liegt bei rund 1 Million Tonnen, was etwa 120 Kilogramm pro Person entspricht. Von den 790’000 Tonnen anfallenden Abfällen werden etwa 660’000 Tonnen verbrannt. Nur ein kleiner Teil wird wiederverwendet oder recycelt. In ganz Europa geht der Trend allmählich zu höheren Recyclingquoten, insbesondere bei Verpackungen. Die neuen Technologien und verstärkten Sammelbemühungen der Schweiz könnten dazu beitragen, diese Lücke zu schliessen.
Die Entwicklungen auf dem europäischen Markt kommen zum richtigen Zeitpunkt. Die Nachfrage nach recycelten Kunststoffen steigt, da Unternehmen aufgrund gesetzlicher Vorschriften und des Drucks seitens der Verbraucher dazu gezwungen sind, den Einsatz von Neuware zu reduzieren. Die Schweizer Innovationen im Bereich des chemischen Recyclings kommen daher zu einem Zeitpunkt, an dem sowohl die heimische als auch die internationale Industrie nach glaubwürdigen Lösungen für die Kreislaufwirtschaft suchen.
Warum kreislauffähige Kunststoffe für die Schweizer Industrie wichtig sind
Der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe bietet mehrere Vorteile. Durch die geringere Abhängigkeit von importierten Neuware-Kunststoffen sinkt die Anfälligkeit gegenüber Preisschwankungen auf den fossilen Märkten. Neue Recyclingtechnologien schaffen Potenzial für industrielle Aktivitäten und hochwertige Arbeitsplätze. Das Werk in Monthey zeigt, wie die lokale Beschäftigung durch neue Verarbeitungsinfrastrukturen wachsen kann.
Umweltvorteile verleihen dem Thema zusätzliches Gewicht. Das Recycling von Kunststoffen zu Rohstoffen reduziert die mit der Herstellung von Neuware verbundenen Treibhausgasemissionen und begrenzt die Verschmutzung durch Mikroplastik in Böden und Gewässern. Mit der Zeit könnten diese Vorteile das Profil der Schweiz als Zentrum für grüne Technologien und verantwortungsbewusste Industriepraxis stärken.
Ein entscheidendes Jahr steht bevor
Das erste Betriebsjahr der Anlage in Monthey im Jahr 2026 wird ein entscheidender Test sein. Wenn sich die Technologie in großem Maßstab als wirksam erweist, dürfte das Interesse von Verpackungs-, Textil- und Automobilunternehmen, die auf PET und Polyester angewiesen sind, steigen. Eine breitere Einführung von Sammelsystemen würde eine konstante Versorgung mit Rohstoffen gewährleisten. Politische Entwicklungen könnten diesen Trend beschleunigen, wenn Anreize für recycelte Inhaltsstoffe geschaffen werden.
Es könnte eine neue Welle von Start-ups entstehen, die sich mit Kunststoffen jenseits von PET und Polyester befassen, wie beispielsweise Polypropylen oder gemischte Kunststoffe aus Bau- und Elektronikabfällen. Eine Expansion in diesen Bereichen würde die Basis einer Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe in der Schweiz verbreitern.
DePoly im Rampenlicht
Das im Wallis ansässige Unternehmen DePoly hat sich zu einem der meistbeachteten Schweizer Cleantech-Unternehmen entwickelt. Seine Technologie zerlegt PET- und Polyesterabfälle in Monomere in Neuwarequalität, selbst wenn die Materialien gemischt, ungewaschen oder verunreinigt sind. Die 500-Tonnen-Vorzeigeproduktionsanlage in Monthey soll 2025 den Betrieb aufnehmen.
DePoly hat bei Investoren Anerkennung gefunden und wurde 2024 zu einem der vielversprechendsten Start-ups der Schweiz gekürt. Das Unternehmen hat 2023 Startkapital in Höhe von 12,3 Millionen Schweizer Franken aufgebracht, um seine Technologie weiterzuentwickeln.
Warum Unterstützung jetzt wichtig ist
Die Schweiz befindet sich derzeit in einer Phase, in der technologische Reife, Verbrauchererwartungen und Umweltdruck aufeinander treffen. Die Nachfrage nach recycelten Materialien steigt und zuverlässige Recyclingtechnologien halten Einzug in die industrielle Anwendung. Investoren und Unternehmenspartner haben nun die Chance, beim Aufbau einer neuen Kreislaufwirtschaft mitzuwirken, anstatt später Lösungen importieren zu müssen.
CapiWell unterstützt Cleantech-Startups in der Wachstumsphase, indem es ihnen hilft, Kapital zu beschaffen und den Weg zur Skalierung zu finden. Startups, die an Recyclingtechnologien oder Materialinnovationen arbeiten, können von speziellen Finanzierungsstrategien und Netzwerken profitieren, die die Entwicklung beschleunigen. Die Unterstützung dieses Sektors trägt dazu bei, Kunststoffabfälle in wertvolle Materialien umzuwandeln und stärkt die Position der Schweiz in der nachhaltigen Industrie.
Die Schweiz entfernt sich von einem linearen Kunststoffmodell, das von der Verbrennung dominiert wird. Neue Technologien und ein Wandel im Verhalten deuten auf den Beginn eines stärker kreislauforientierten Ansatzes hin. Wenn sich diese Entwicklung bis 2026 fortsetzt, könnte sich die Schweiz als Referenzpunkt für kreislauforientierte Kunststoffe in Europa positionieren, was Vorteile für die Umwelt, die Industrie und die Wirtschaft insgesamt mit sich bringen würde.
Referenzen (APA)
- Bundesamt für Umwelt (BAFU) Kunststoffe. Kunststoffverbrauch und -abfälle in der Schweiz. 2025. Abgerufen unter https://www.bafu.admin.ch/en/plastics
- Bundesamt für Umwelt (BAFU) Kunststoffe in der Umwelt. 2025. Abgerufen unter https://www.bafu.admin.ch/en/home/topics/waste/waste-policy-and-measures/plastics-in-the-environment
- Satw Technology Outlook Kunststoffrecycling. Potenzial für Kunststoffrecycling in der Schweiz und Europa. 2025. Abgerufen unter https://technology-outlook.satw.ch/en/technologies-in-focus/plastics-recycling
- shisstech. Revolutionäre Technologie zur Kunststoffabfallentsorgung gewinnt das TOP 100 Swiss Startup Ranking 2024. 2024. Abgerufen unter https://www.swiss.tech/news/revolutionary-plastic-waste-management-technology-wins-top-100-swiss-startup-ranking-2024
- Informationen zum Unternehmen DePoly SA. Abgerufen 2025. https://www.depoly.co/
- DePoly sammelt 12,3 Millionen CHF ein, um seine innovative Kunststoffrecyclingtechnologie zu skalieren. Großraum Genf Bern. 2023. Abgerufen unter https://ggba.swiss/en/depoly-raises-chf-12-3-million-to-scale-its-innovative-plastic-recycling-technology
- Schweizer sammeln 2024 über 9’000 Tonnen Plastik zum Recycling. Swissinfo.ch. 2025. Abgerufen unter https://www.swissinfo.ch/eng/various/over-9000-tons-of-plastic-collected-for-recycling-in-2024/88907053