Die Schweiz entwickelt sich zu einer unerwarteten Kraft im rasanten Wandel der Lebensmittelproduktion. In der zweiten Hälfte des Jahres 2025 verlagerte sich die Landschaft der alternativen Proteine des Landes von der akademischen Forschung zur industriellen Tätigkeit. Fermentationstechnologien, die noch vor wenigen Jahren als spezialisiert und experimentell galten, werden nun in kommerziellem Maßstab eingesetzt. Start-ups, die ihren Ursprung in Schweizer Universitäten, Forschungseinrichtungen und nationalen Innovationsprogrammen haben, entwickeln Verfahren, die die Art und Weise, wie Europa Proteine bezieht, neu gestalten könnten. Was als Nischenbewegung begann, entwickelt sich schnell zu einer wichtigen Säule der Schweizer Lebensmittelinnovation mit Auswirkungen auf Industrie, Landwirtschaft und die Wirtschaft insgesamt.
Der Schritt von der wissenschaftlichen Neugier zur angewandten Innovation
Die Entwicklung der Schweiz spiegelt ein wiederkehrendes nationales Muster wider. Seit Jahrzehnten baut das Land seine Stärken in den Bereichen Feinmechanik, Biowissenschaften und industrielle Biotechnologie aus. Frühe Aktivitäten im Bereich pflanzlicher und alternativer Proteine gab es zwar vereinzelt, doch blieb ihre Verbreitung begrenzt. Anfang der 2020er Jahre stieg das Interesse der Verbraucher an nachhaltiger Ernährung und einer Verringerung des ökologischen Fußabdrucks, was den Weg für fermentationsbasierte Technologien ebnete.
Der Bericht zum Ökosystem „Swiss Food and Nutrition Valley” bestätigte, dass die Branche bis 2025 ihre Experimentierphase hinter sich gelassen hatte. Die Zahl der Unternehmen im Bereich Lebensmitteltechnologie stieg zwischen 2021 und 2025 deutlich an, wobei sich der Schwerpunkt von Pilotanlagen zu Unternehmen verlagerte, die sich auf die industrielle Produktion vorbereiteten. Start-ups sicherten sich größere institutionelle Finanzierungen, bauten kommerzielle Partnerschaften auf und bereiteten sich darauf vor, Hersteller zu beliefern, anstatt nur Testmärkte zu bedienen.
2025 als das Jahr, in dem Fermentierung zum Mainstream wurde
Der Wendepunkt kam Mitte 2025, als mehrere Schweizer Unternehmen Produktionsmengen vorweisen konnten, die für die Versorgung der gängigen Lieferketten ausreichten. Planetary, einer der bekanntesten Akteure, trieb den Bau von Anlagen mit hoher Kapazität für die Produktion von Mykoprotein voran. Seine Verfahren wandeln die Fermentation von einer Labortechnik in ein industrielles Verfahren um, mit dem große Lebensmittelhersteller beliefert werden können.
Andere Innovatoren gingen andere Wege. Einige setzten Fermentation ein, um die Textur und den Geschmack pflanzlicher Zutaten zu verbessern und so eine klarere Produktkennzeichnung ohne lange Liste von Zusatzstoffen zu ermöglichen. Andere verfolgten das Ziel der Fermentation von Vollwertkost, um eine Verbrauchergruppe anzusprechen, die minimal verarbeitete Produkte bevorzugt. Öffentliche Innovationsprogramme und gezielte private Investitionen beschleunigten diese Entwicklungen, insbesondere dort, wo durch Skaleneffekte die Kosten denen herkömmlicher Proteinquellen angenähert werden konnten.
Die Nachfrage steigt und die Daten spiegeln die Dynamik wider
Die Daten zum europäischen Markt spiegeln eine allgemeine Verschiebung der Verbraucherpräferenzen wider. Laut Datanext Research belief sich der Wert des europäischen Marktes für alternative Proteine im Jahr 2024 auf 5,65 Milliarden US-Dollar und wird voraussichtlich bis 2025 auf 6,05 Milliarden US-Dollar steigen. Langfristige Prognosen gehen von einem anhaltenden Wachstum bis 2035 aus, das durch den demografischen Wandel, Umweltbelange und den Druck auf traditionelle Tierhaltungssysteme angetrieben wird.
Der Schweizer Markt ist kleiner, aber das zugrunde liegende Innovationsökosystem wächst rasant. Der FoodTech-Ökosystembericht 2025 hebt die starke Gründung von Start-ups seit 2021, steigende Investitionsströme und einen deutlichen Anstieg kommerzieller Partnerschaften mit Lebensmittelherstellern hervor. Der Übergang von Forschungsergebnissen zu wirtschaftlicher Aktivität ist im Gange.
Schweizer Unternehmen im Zentrum des Wandels
Planetary hat sich zu einem Bezugspunkt für die industrielle Fermentation entwickelt. Durch die großvolumige Produktion von Mykoprotein ist das Unternehmen nicht nur Lieferant für Schweizer Unternehmen, sondern auch für europäische Hersteller, die auf der Suche nach gleichbleibend hochwertigen Proteinzutaten sind. Die Expansion des Unternehmens ist eines der deutlichsten Anzeichen dafür, dass die industrielle Biotechnologie in der Schweiz an Boden gewinnt.
Planted Foods steht für einen weiteren Entwicklungszweig. Das Unternehmen kombiniert strukturierte Pflanzenproteine mit Fermentationstechniken, um Fleischalternativen für Mainstream-Konsumenten herzustellen. Das Unternehmen exportiert in mehrere europäische Märkte und baut seine Produktionskapazitäten weiter aus.
Luya veranschaulicht einen dritten Ansatz. Seine Produkte basieren auf natürlicher Fermentation und Vollwertzutaten statt auf künstlich hergestellten Texturen. Das Unternehmen bedient eine Kundschaft, die Einfachheit und vertraute Geschmacksprofile schätzt.
Zusammen verdeutlichen diese Unternehmen eine breitere Entwicklung. Schweizer Start-up-Rankings und nationale Innovationsinitiativen zeigen eine zunehmende Aktivität in den Bereichen Zutatenentwicklung, Prozessoptimierung und Upcycling-Technologien. Der Sektor befindet sich auf dem Weg vom Aufkommen zur Etablierung.
Wirtschaftliche Signale deuten auf eine sich entwickelnde Branche hin
Die Fermentationswelle hat sichtbare Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Die industrielle Biotechnologie schafft neue Arbeitsplätze in den Bereichen Ingenieurwesen, Mikrobiologie und Prozessautomatisierung. Die Skalierung der Produktion erfordert zusätzliche Infrastruktur, von Fermentationsanlagen aus Edelstahl bis hin zu spezialisierter Kühlkettenlogistik. Landwirte könnten eine neue Nachfrage nach proteinreichen Pflanzen sehen, die sich als Fermentationsrohstoffe eignen.
Das Exportpotenzial ist beträchtlich. Schweizer Start-ups positionieren sich als Zulieferer von Inhaltsstoffen für grosse Lebensmittelhersteller in ganz Europa. Mit zunehmender Grösse dieser Unternehmen könnte sich die Forschungsstärke der Schweiz in messbaren Industrieerträgen niederschlagen. Diese Entwicklung würde früheren nationalen Mustern in den Bereichen Pharmazeutika und Medizintechnik entsprechen, wo wissenschaftliche Kompetenz schliesslich zu einer weltweit relevanten Produktion führte.
2026 wird die Reife des Sektors auf die Probe stellen
Das kommende Jahr wird zeigen, ob der Durchbruch im Jahr 2025 zu einem stabilen industriellen Wachstum führen wird. Drei Entwicklungen scheinen wahrscheinlich. Erstens werden mehrere Unternehmen von Pilotbetrieben zu großtechnischen Fermentationsanlagen übergehen, die eine konstante Effizienz nachweisen müssen. Zweitens wird erwartet, dass mehr Lebensmittelprodukte mit fermentierten Proteinen auf den Markt kommen, da das Produktionsvolumen steigt und die Preise sinken. Drittens könnte es zu einer Konsolidierung unter den Unternehmen kommen, die die Kapitalintensität der industriellen Fermentation nicht bewältigen können.
Die Marktprognosen für Europa deuten auf ein anhaltendes Wachstum hin, das die Expansion in der Schweiz unterstützen könnte, wenn die Hersteller ihre Kostenstrukturen weiter verbessern und die Qualität in großem Maßstab aufrechterhalten.
Was dies für die Schweizer Lebensmittelbranche bedeutet
Für Verbraucher wird sich die Veränderung in einer größeren Auswahl und einer verbesserten Produktqualität bemerkbar machen. Pflanzliche und fermentierte Alternativen schmecken wahrscheinlich besser und enthalten weniger Zusatzstoffe. Landwirte könnten mit für fermentationsbasierte Systeme geeigneten Pflanzen neue Einnahmequellen erschließen. Es wird erwartet, dass Einzelhändler als Reaktion auf Klimaschutzverpflichtungen und Verbraucherinteressen mehr Platz für nachhaltige Optionen bereitstellen werden. Die Regulierungsbehörden werden die Zulassungsverfahren für neuartige Lebensmittel verfeinern, ein immer wiederkehrendes Thema, da fermentierte Zutaten zunehmend in den Mainstream-Vertrieb gelangen.
Der Wandel geht über Ernährungstrends hinaus. Er signalisiert die Entstehung eines neuen Industriesegments, das Biotechnologie, Fertigung und Landwirtschaft miteinander verbindet. Die Schweiz ist mit ihren Forschungseinrichtungen und ihrer Innovationsinfrastruktur gut positioniert, um dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
Der Ausblick
Der Aufstieg fermentationsbasierter Proteine verändert die Position der Schweiz in der globalen Lebensmittelinnovation. Im Jahr 2025 wurde dieser Bereich dank eines wachsenden Netzwerks aus Start-ups, Investoren und Forschungsorganisationen endgültig zur industriellen Realität. Wenn 2026 eine erfolgreiche Skalierung und Marktkonsolidierung gelingt, könnte sich die Schweiz als wichtiger europäischer Knotenpunkt für die nachhaltige Proteinproduktion etablieren. Die Auswirkungen reichen weit über den Lebensmittelsektor hinaus und könnten breitere Debatten über Klimapolitik, Agrarstrategie und langfristige wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen.
Referenzen (APA)
- BioAlps. (24. Juli 2025). Planetary Switzerland skaliert die Mykoproteinproduktion durch strategische Expansion. BioAlps. https://bioalps.org/planetary-switzerland-scaling-mycoprotein-production-through-strategic-expansion
- Catalyze Group. (2025). Planetary erhält 1,8 Millionen CHF von Innosuisse für Start-up-Innovationsprojekte. Catalyze Group. https://www.catalyze-group.com/case/planetary-awarded-chf-1-8-million-by-innosuisse-start-up-innovation-projects
- Datanext Research. (2025). Bericht zum Markt für alternative Proteine in Europa 2024–2025. Datanext Research. https://datanextresearch.com/report-detail/europe-alternative-protein-market
- Green Queen. (2025). EU unterstützt 16 Start-ups der Zukunft, die sich mit der Klimakrise befassen EIT Food RisingFoodStars 2025. Green Queen. https://www.greenqueen.com.hk/eu-eit-food-rising-food-stars-2025-palm-oil-cocoa-fermentation-protein
- Planted Foods AG. (2025). Unternehmensprofil. Venturelab. https://www.venturelab.swiss/planted-foods
- Seedtable. (2025). Die 6 besten FoodTech-Startups in der Schweiz, die man 2025 im Auge behalten sollte. Seedtable. https://www.seedtable.com/best-foodtech-startups-in-switzerland
- Swiss Food and Nutrition Valley. (2025). Der Swiss FoodTech Ecosystem Report 2025: Zeigt wichtige Trends auf, die die Zukunft der Lebensmittelbranche in der Schweiz prägen werden. Swiss Food and Nutrition Valley. https://swissfoodnutritionvalley.com/the-swiss-foodtech-ecosystem-report-2025-maps-key-trends-shaping-the-future-of-food-in-switzerland
- Top100 Swiss Startup. (2025). Die 2 vielversprechendsten Schweizer FoodTech-Startups des Jahres 2025 laut Investoren. Top100 Swiss Startup. https://www.top100startups.swiss/The-2-most-promising-Swiss-foodtech-startups-of-2025-according-to-investors