Die Schweiz erlebt derzeit einen seltenen Wandel in ihrer Sicherheitspolitik. Im November 2024 hat das Parlament eine Lockerung einiger Waffenexportvorschriften beschlossen, was in der Öffentlichkeit weiterhin für Diskussionen sorgt. Während sich die Aufmerksamkeit auf die politischen Debatten rund um das Kriegsmaterialgesetz konzentriert, vollzieht sich eine weitere Entwicklung, die weitgehend unbemerkt bleibt. Die moderne Verteidigungsfähigkeit der Schweiz wird zunehmend von Dual-Use-Technologien geprägt, die ihren Ursprung in der zivilen Forschung und Industrie haben. Robotik, Satellitendaten, autonome Systeme und fortschrittliche Fertigungstechnologien sind zu zentralen Elementen der Sicherheitsplanung in Europa geworden. Die Schweiz mit ihrem großen Pool an Ingenieurstalenten und ihrer starken Forschungsbasis befindet sich in einer Position als wichtiger technologischer Mitwirkender, während Europa seine Ausrüstung neu bewertet.
Eine europäische Verteidigungslandschaft unter Druck
Die europäischen Regierungen sind in eine Phase beschleunigter Verteidigungsinvestitionen eingetreten. Nach Angaben der Europäischen Verteidigungsagentur stiegen die Verteidigungsausgaben der EU-Staaten im Jahr 2023 auf 289 Milliarden Euro, den höchsten jemals verzeichneten Wert. Das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut berichtet, dass Europa sowohl 2022 als auch 2023 weltweit das schnellste Wachstum bei den Militärausgaben verzeichnete. Prognosen von McKinsey zufolge könnten die europäischen Verteidigungsausgaben bis 2030 fast 800 Milliarden Euro erreichen. Diese Verschiebung spiegelt nicht nur den Krieg in der Ukraine wider, sondern auch allgemeine Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit langfristiger Sicherheitsgarantien.
Vor diesem Hintergrund erhöht die Schweiz ihr eigenes Verteidigungsbudget. Bundesangaben zufolge gab das Land im Jahr 2024 5,95 Milliarden Franken für Verteidigung aus. Die aktuelle Planung sieht bis 2030 ein Budget von rund 7,1 Milliarden Franken vor. Verteidigungsministerin Viola Amherd hat betont, dass Innovationen kleiner und mittlerer Schweizer Unternehmen eine größere Rolle bei der Modernisierung der Ausrüstung spielen müssen. Dies stellt eine wichtige Schwerpunktverlagerung für ein Land dar, das die Beschaffung von Verteidigungsgütern traditionell aus einer engen Perspektive betrachtet hat.
Exporttrends verdeutlichen ein sich wandelndes Umfeld
Die Schweizer Waffenexporte unterliegen strengen Vorschriften, doch ihr Volumen zeigt, dass die Schweiz nach wie vor ein bedeutender Lieferant von Verteidigungsgütern ist. Laut SECO-Statistiken exportierten Schweizer Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 Kriegsmaterial im Wert von 358 Millionen Franken, was einem Anstieg von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Gesamtjahreszahlen für 2023 beliefen sich auf 696 Millionen Franken für Schweizer Militärexporte, wobei die genehmigten Lizenzen einen Wert von über einer Milliarde Franken hatten. Ein grosser Teil dieser Exporte besteht aus Komponenten und Systemen, die in Kategorien mit doppeltem Verwendungszweck fallen, wie Sensoren, Elektronik und Materialien.
Die jüngste parlamentarische Initiative zur Lockerung der Wiederausfuhrbestimmungen hat die Debatte über die Rolle der Schweiz in internationalen Sicherheitsstrukturen intensiviert. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen vor allem ethische Fragen und die Neutralität. Die technologischen Entwicklungen, die hinter diesen Exportvolumina stehen, deuten jedoch auf einen umfassenderen Wandel hin. Die Beschaffung von Verteidigungsgütern in Europa hängt zunehmend von Fähigkeiten ab, die ihren Ursprung eher in zivilen Innovationen als in der traditionellen Rüstungsindustrie haben.
Start-ups mit doppeltem Verwendungszweck gewinnen in ganz Europa an Bedeutung
Die Abhängigkeit von ziviler Technologie zeigt sich in den Investitionstrends. Zwischen 2017 und 2020 haben europäische Start-ups im Verteidigungsbereich 307 Millionen US-Dollar an privatem Kapital angezogen. Zwischen 2021 und 2024 stieg das Volumen auf fast 2,2 Milliarden US-Dollar. Diese Zahlen spiegeln die wachsende Nachfrage nach Technologien wider, die schnell eingesetzt und an viele Kontexte angepasst werden können. Reuters hat hervorgehoben, dass Risikokapitalinvestitionen in Verteidigungstechnologie in Europa zunehmend akzeptiert werden, da Regierungen nach Lösungen in Bereichen wie Drohnenabwehr, satellitengestützte Aufklärung und softwaregesteuerte Befehlssysteme suchen.
Branchenanalysen deuten darauf hin, dass Regierungen ihre Lieferantenbasis weiter ausbauen werden. Sie benötigen schnellere Beschaffungszyklen und flexiblere Systeme, als die traditionelle Verteidigungsindustrie allein bieten kann. Von dieser Veränderung profitieren Länder mit starken zivilen Technologieökosystemen. Die Rolle der Schweiz gewinnt gerade deshalb an Sichtbarkeit, weil die Verteidigungsbehörden nun Fähigkeiten schätzen, die seit langem zu den Spezialgebieten der Schweiz zählen.
Die technologische Basis der Schweiz entspricht den Verteidigungsanforderungen
Die Stärken des Landes liegen in Bereichen, die die Grundlage für moderne Sicherheit bilden. Dazu gehören Robotik, fortschrittliche Fertigung, Präzisionstechnik, Sensoren, Mikroantriebe und Weltraumtechnologie. Es handelt sich um Bereiche, die sich unabhängig von der Verteidigungspolitik entwickelt haben, aber dennoch zu einem zentralen Bestandteil der europäischen Fähigkeitsplanung geworden sind.
Der Robotik-Cluster rund um die ETH Zürich hat sich zu einem der produktivsten in Europa entwickelt. ANYbotics mit Sitz in Zürich entwickelt autonome Inspektionsroboter, die in der Industrie und in der Energieinfrastruktur eingesetzt werden. Solche Systeme können auch in der Logistik, beim Perimeterschutz und bei der Bewertung nach Zwischenfällen eingesetzt werden – alles Bereiche, in denen die Streitkräfte nach Automatisierungsmöglichkeiten suchen. Die Schweizer Robotikindustrie zählt mehr als zweihundert Unternehmen und beschäftigt Tausende von Spezialisten.
Die fortschrittliche Fertigung fügt eine weitere Ebene hinzu. Das in der Region Zürich ansässige Unternehmen Saeki konzentriert sich auf den großformatigen industriellen 3D-Druck für die Luft- und Raumfahrt sowie komplexe Strukturkomponenten. Die additive Fertigung hat strategische Bedeutung erlangt, da sie Lieferketten verkürzen und in Krisenzeiten eine schnelle Produktion von Teilen ermöglichen kann. Die europäischen Streitkräfte haben erkannt, dass traditionelle Fertigungsprozesse für bestimmte Anforderungen zu langsam sein können.
Der Schweizer Weltraumsektor unterstreicht dieses Bild. Das Swiss Space Office zählt mehr als hundert Unternehmen, die im Bereich der Weltraumtechnologie tätig sind, von denen etwa ein Drittel Start-ups oder Spin-offs sind. ClearSpace in Lausanne entwickelt in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation Technologien zur Beseitigung von Weltraummüll. Seine Navigations- und Erfassungssysteme überschneiden sich mit Fähigkeiten, die für den Schutz von Satelliten und die Lageerkennung relevant sind. Beyond Gravity, ehemals RUAG Space, liefert Komponenten für Trägerraketen und Satellitenstrukturen und ist an mehreren europäischen Programmen beteiligt.
Präzisionstechnik bleibt ein charakteristischer Vorteil. Maxon in Obwalden produziert Mikromotoren, die in der Luft- und Raumfahrt, Robotik und Medizin zum Einsatz kommen. Ihre Zuverlässigkeit und Präzision sind für Steuerungs- und Antriebsfunktionen in zahlreichen Systemen unverzichtbar. Ein Großteil der Schweizer Mikrotechnologiebasis stammt ursprünglich aus der Uhrenindustrie, bedient heute jedoch Hightech-Sektoren, die sich mit den Lieferketten der Verteidigungsindustrie überschneiden.
Forschungseinrichtungen und Behörden beschleunigen den Ausbau von Dual-Use-Kapazitäten
Bundesbehörden tragen zur Dual-Use-Kapazität des Landes bei. armasuisse Wissenschaft und Technologie verwaltet jährlich mehr als 250 Forschungsprojekte in Bereichen, die von Cyberabwehr und autonomen Systemen bis hin zu Materialwissenschaften und Kommunikationstechnologien reichen. Sie arbeitet mit mehr als achtzig Schweizer Start-ups und KMU zusammen. Das Schweizer Drohnen- und Robotikzentrum in Emmen hat in den letzten fünf Jahren über siebzig Drohnensysteme getestet. Das jährliche Forschungsbudget von armasuisse S+T liegt zwischen 30 und 40 Millionen Schweizer Franken.
Das gesamte F&E-Umfeld der Schweiz unterstützt diese Entwicklungen. Die nationalen F&E-Ausgaben belaufen sich auf rund 3,4 Prozent des BIP und gehören damit zu den höchsten weltweit. Die Gesamtausgaben übersteigen jährlich 24 Milliarden CHF, wobei mehr als 70 Prozent vom privaten Sektor finanziert werden. Diese Investitionen schaffen eine Innovationsinfrastruktur, die Fähigkeiten hervorbringen kann, die für die Verteidigung nützlich sind, auch wenn sie ihren Ursprung in zivilen Märkten haben.
Zunehmende Integration in europäische Programme
Obwohl die Schweiz kein NATO-Mitglied ist, beteiligt sie sich an mehreren europäischen Verteidigungsforschungsinitiativen. Schweizer Institutionen nehmen an mehr als zwanzig Projekten teil, die vom Europäischen Verteidigungsfonds finanziert werden. Die Schweiz ist auch am PESCO-Projekt „Militärische Mobilität” beteiligt, das die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessern soll. Diese Beteiligung stärkt die Verbindungen zwischen Schweizer Technologieanbietern und europäischen Beschaffungsrahmenwerken.
Die europäischen Ministerien haben damit begonnen, Wege für Start-ups und nicht-traditionelle Lieferanten zum Eintritt in die Verteidigungsmärkte zu formalisieren. Deutschland hat seine Innovationsprogramme durch den Cyber Innovation Hub der Bundeswehr erweitert. Das Vereinigte Königreich hat schnelle Beschaffungswege für neue Technologien eingeführt. Frankreich hat die Genehmigungsverfahren für neue Lieferanten über seine Direction Générale de l’Armement vereinfacht. Diese Reformen erhöhen die Relevanz von Schweizer Dual-Use-Unternehmen innerhalb der europäischen Lieferketten.
Eine versteckte, aber strategisch wichtige Rolle
Es ist unwahrscheinlich, dass die Schweiz eine traditionelle Rüstungsindustrie entwickelt, die denen Deutschlands, Frankreichs oder Großbritanniens ähnelt. Ihre Stärken liegen woanders. Das Land beherbergt Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen, die sich in Bereichen auszeichnen, die heute als unverzichtbar für die moderne Verteidigung gelten. Sie entwickeln Fähigkeiten für zivile Märkte, die bei Bedarf für militärische Zwecke angepasst werden können.
Diese Dual-Use-Landschaft hat die Schweiz zu einem stillen Mitwirkenden an der europäischen Sicherheit gemacht. Dies ist nicht das Ergebnis einer Industriepolitik, sondern einer technologischen Basis, die den aktuellen Verteidigungsanforderungen entspricht. Da Regierungen in ganz Europa nach flexibleren, softwaregesteuerten und schnell einsetzbaren Systemen suchen, gewinnt das Innovationsökosystem der Schweiz an strategischer Bedeutung. Die öffentliche Debatte mag sich auf Exportregeln und Neutralität konzentrieren, aber im Hintergrund vollzieht sich eine umfassendere Entwicklung. Die Dual-Use-Technologie hat die Schweiz auf eine Weise auf die Verteidigungskarte gesetzt, die eher die technologische Identität des Landes als seine politische Tradition widerspiegelt.
Referenzen (APA)
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