Für Schweizer Scale-ups im Technologiesegment ist Oura deshalb ein bemerkenswertes Fallbeispiel. Nicht, weil die Schweiz smarte Ringe kopieren sollte, sondern weil Oura zeigt, wie ein Hightech-Unternehmen die entscheidende Phase zwischen Start-up und globalem Wachstumsunternehmen meistert. In einem Land, das in Forschung und Innovation regelmässig Spitzenplätze belegt, aber in der Skalierung oft Mühe bekundet, liefert die Oura-Geschichte Inspiration und konkrete Lehren.
Für Schweizer Scale-ups im Technologiebereich bietet Oura daher eine bemerkenswerte Fallstudie, nicht weil die Schweiz anfangen sollte, intelligente Ringe zu bauen, sondern weil das Unternehmen zeigt, wie ein Hightech-Unternehmen den kritischen Übergang von einem Start-up in der Frühphase zu einem globalen Wachstumsunternehmen erfolgreich meistern kann. In einem Land, das in Sachen Forschung und Innovation regelmässig zur Weltspitze gehört, sich aber oft schwer tut, wenn es um die Skalierung geht, bietet der Weg von Oura sowohl Inspiration als auch praktische Anleitung.
Vom Schmuck zur Gesundheitsplattform
Wearables (tragbare elektronische Geräte, die physiologische Daten überwachen und analysieren) sind längst nicht mehr nur als Gadgets zu betrachten. Während Smartwatches und Fitness-Tracker den Massenmarkt dominieren, hat Oura einen alternativen Formfaktor geschaffen: einen Ring, der einem Schmuckstück ähnelt, aber Sensoren enthält, die mehr als 50 biometrische Datenpunkte erfassen können, von der Schlafqualität und der Herzfrequenz bis hin zu Temperaturschwankungen, Menstruationszyklusindikatoren und Stresslevel.
IDC, der US-amerikanische Datenanbieter für Wearables und Unterhaltungselektronik, lieferte der Presse exklusive Zahlen, die zeigen, dass mehr als die Hälfte aller weltweit verkauften Smart Rings von Oura stammen. Allein im dritten Quartal 2024 lieferte das Unternehmen über eine halbe Million Einheiten aus. Das ist weit mehr als spezialisierte Konkurrenten wie Ultrahuman oder die Tech-Giganten Samsung und Amazon, die beide trotz enormer finanzieller Ressourcen erst relativ spät in den Markt eingestiegen sind.
Oura hat die Vorteile eines Erstanbieters mit bemerkenswerter Disziplin genutzt. Das Unternehmen bringt regelmäßig neue Generationen seines Rings heraus und investiert stark in Softwarefunktionen. Analysten führen den Vorsprung auf jahrelang gesammelte Daten und einen ungewöhnlich hohen Grad an Spezialisierung zurück. Sie betonen auch, dass Oura ein besonders hohes Niveau an operativer Leistung aufrechterhalten muss, um den Anlegern langfristig einen profitablen Ausstieg zu ermöglichen - ein Punkt, der weniger für die Bewertung als für den hohen Grad an Professionalität spricht, den ein weltweit tätiges Wearables-Unternehmen heute benötigt.
Ein Abonnementmodell als Wachstumsmotor
Der wahre Kern des Geschäfts liegt nicht im einmaligen Verkauf des Rings, sondern in seinem Abonnementmodell. Für rund 70 € pro Jahr erhalten die Nutzer Zugang zu detaillierten Analysen und einem KI-basierten Coach, der maßgeschneiderte Empfehlungen für Schlaf, Training und Stressmanagement gibt. “Für uns ist das Abonnement das Produkt”, sagte Hale gegenüber Reportern. Obwohl er es ablehnte, die Abwanderungsraten zu nennen, betonte er, dass die Kundenbindung “besser als bei Netflix oder Spotify” sei.
Das Abo-Modell schafft stabile und wiederkehrende Einnahmen - ein Ansatz, der von vielen Schweizer Technologie-Start-ups, bei denen weiterhin Projektarbeit oder Hardware-Verkäufe dominieren, noch eher zögerlich verfolgt wird. Oura zeigt, wie ein Ökosystem aufgebaut werden kann, das nicht von einmaligen Geräteverkäufen abhängt, sondern von langfristigen Kundenbeziehungen und laufenden Dienstleistungen.
Die Milliarden-Dollar-Bewertung und die Logik der Skalierung
Im September 2024 schloss Oura eine der größten Finanzierungsrunden im europäischen Technologiesektor ab und sammelte rund 900 Mio. USD von internationalen Investoren ein, angeführt von der Investmentsparte der US-Finanzgruppe Fidelity. Dadurch stieg die Bewertung des Unternehmens auf 11 Mrd. USD. Für ein Wearables-Unternehmen ist dies außergewöhnlich, nicht zuletzt, weil Oura weder ein reines KI-Unternehmen noch Teil des boomenden Segments der Verteidigungstechnologie ist.
Die Bewertung bringt jedoch zusätzlichen Druck mit sich. Viele Analysten haben betont, dass Oura nachweisen muss, dass seine Umsatzbasis nachhaltig und sein Wachstum effizient ist, sollte es jemals versuchen, die europäischen oder US-amerikanischen öffentlichen Märkte zu erschließen. Hale seinerseits wies Spekulationen über eine bevorstehende Börsennotierung mit der Bemerkung zurück, dass das Unternehmen profitabel sei und kein zusätzliches Kapital benötige.
Rechtliche Grenzen und medizinische Realität
Ouras Bestreben, die Überwachung des Blutdrucks und anderer komplexer Gesundheitsparameter einzubeziehen, stößt auf mehrere regulatorische und technische Hürden. Medizinexperten warnen, dass den heutigen Wearables die für die Diagnose erforderliche Spezifität und klinische Robustheit fehlt. Der Sektor kämpft auch mit grundlegenden Fragen wie dem Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten, der möglichen Einstufung von Wearables als Medizinprodukte und der Unterscheidung zwischen Wellness-Funktionen und echten klinischen Erkenntnissen.
Trotz dieser Einschränkungen bleibt der Markt sehr dynamisch. Analysten erwarten jährliche Wachstumsraten von mehr als 25 Prozent, was auf eine Verlagerung der Wearables von Fitness-Accessoires zu digitalen Gesundheitsbegleitern hindeutet, auch wenn eine echte diagnostische Relevanz eine strengere Validierung und klarere rechtliche Rahmenbedingungen erfordert.
Lektionen für Schweizer Start-ups in der Wachstumsphase
Die Schweiz rangiert im Global Innovation Index stets unter den ersten beiden Nationen. Die Qualität der Forschung ist Weltklasse, und die Talentbasis ist groß. Doch der Übergang von der Forschungsexzellenz zum kommerziellen Maßstab ist nach wie vor problematisch. Viele Schweizer Start-ups wachsen zu langsam, expandieren zu spät auf internationaler Ebene oder haben Mühe, die für eine globale Präsenz erforderlichen größeren Finanzierungsrunden zu erhalten. Laut dem Swiss Venture Capital Report sind die Investitionsvolumina sowohl 2023 als auch 2024 zurückgegangen, selbst als sich die internationalen Märkte zu erholen begannen.
Der Fall Oura zeigt vier Wachstumsprinzipien auf, die Schweizer Scale-ups übernehmen können, ohne ihre Identität zu gefährden.
Ein Produkt allein reicht nicht aus; der Wert ergibt sich aus einem Ökosystem, das Software, Daten und Dienstleistungen miteinander verbindet. Oura hat diese Logik gemeistert. Schweizer Tech-Firmen, die sich stark auf die Technik konzentrieren, laufen Gefahr, Marktchancen zu verpassen, wenn Monetarisierung und Skalierbarkeit nicht von Anfang an in ihre Strategie eingebaut sind.
Geschwindigkeit ist entscheidend. Oura bringt jedes Jahr neue Hardware und App-Funktionen auf den Markt. Schweizer Start-ups verbringen oft mehr Zeit damit, nach Perfektion zu streben - ein kulturell tief verwurzelter Reflex, der sich jedoch auf globalen Märkten als kostspielig erweisen kann.
Die internationale Expansion ist kein später Luxus, sondern eine Voraussetzung für Wachstum. Oura war vom ersten Tag an auf globale Märkte ausgerichtet. Schweizer Unternehmen neigen dazu, zuerst auf nationaler Ebene zu expandieren, doch für viele Technologien ist der heimische Markt zu klein, um eine nennenswerte Größe zu erreichen.
Große Finanzierungsrunden sind selten, aber unerlässlich. Die Fähigkeit von Oura, grosse internationale Investoren anzuziehen, zeigt, was erforderlich ist. Schweizer Scale-ups müssen frühzeitig mit globalen Risiko- und Wachstumsfonds in Kontakt treten, wenn sie das für eine echte Expansion erforderliche Kapital erhalten wollen.
Schweizer Scale-ups wenden bereits Oura-ähnliche Prinzipien an
Mehrere Schweizer Unternehmen zeigen, dass sich diese Wachstumslogik auch im Inland umsetzen lässt.
Planted Foods mit Sitz in Zürich hat in nur wenigen Jahren eines der dynamischsten Foodtech-Ökosysteme Europas aufgebaut. Mit einer Finanzierung von mehr als 200 Millionen CHF und einer klar definierten internationalen Markenstrategie will Planted seine Produkte in ganz Europa etablieren. Die Kombination aus Technologie, Marke und Skalierbarkeit erinnert an den Ökosystem-Ansatz von Oura.
Sophia Genetics in Lausanne zeigt, wie datengesteuerte Geschäftsmodelle eine globale Reichweite erreichen können. Seine KI-Plattform für Genomanalysen wird in mehr als 180 Ländern eingesetzt, und das Unternehmen ist seit 2021 an der Nasdaq notiert. Wie Oura verbindet Sophia Software, Datenanalyse und wiederkehrende Einnahmequellen in einem Modell, das für die Skalierung optimiert ist.
Climeworks mit Sitz in Zürich ist ein Beispiel dafür, wie Schweizer Technologieunternehmen mit globalen Ambitionen zu wichtigen Akteuren werden können. Das Unternehmen entwickelt Systeme zur direkten Luftabscheidung und schließt langfristige Verträge zur Kohlenstoffentfernung mit internationalen Industriekunden ab. Seine jüngste Finanzierungsrunde in Höhe von mehr als 600 Mio. CHF unterstreicht, dass Schweizer Firmen Zugang zu globalem Kapital haben, wenn ihre Technologie und ihr Geschäftsmodell überzeugend genug sind.
Ein kleiner Ring als große Blaupause
Oura ist keine Vorlage für die Schweizer Politik, das Arbeitsrecht oder die Regulierungskultur. Aber sie ist ein Beispiel für die strategische Klarheit, die erforderlich ist, um die Wachstumsphase zu erreichen: ein genau definiertes Produkt, ein skalierbares Geschäftsmodell, eine solide Kapitalstrategie, kontinuierliche Innovation und ein Engagement für die Internationalisierung.
Für Schweizer Start-ups in der Wachstumsphase ist sie ein wertvoller Benchmark. Die Schweiz hat die Innovationskapazität, das Talent und die Forschungsgrundlagen. Was oft fehlt, ist nicht die Technologie, sondern die Geschwindigkeit, der strategische Ehrgeiz und die Bereitschaft, dem Geschäftsmodell genauso viel Gewicht zu geben wie der Technik. Oura zeigt, was passieren kann, wenn beide Seiten an einem Strang ziehen.
Referenzen (APA, übersetzt)
- BusinessWire. (2024). Oura übertrifft 5,5 Millionen verkaufte Ringe und verdoppelt den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr. BusinessWire :
- Forrester Research. (2024). Bericht über Wearables und präventive Gesundheitstechnologien 2024. Forrester Research.
- Gartner. (2024). Prognostizierte Analyse: Wearable Devices, weltweit. Gartner Inc.
- IDC - Internationale Datengesellschaft. (2024). Weltweiter vierteljährlicher Wearable Device Tracker, Q3 2024. IDC-Forschung.
- Gepflanzte Lebensmittel. (2024). Pressemitteilungen und Anlegerinformationen 2021-2024. Zürich: Planted Foods AG.
- Sophia Genetics. (2021-2024). Unternehmenspapiere und Investor-Relations-Berichte. Lausanne / Boston: SOPHiA GENETICS SA.
- Climeworks. (2024). Finanzierungsrunde 2024 - Unternehmensmitteilung. Zürich: Climeworks AG.
- Schweizer Risikokapitalbericht. (2024). Schweizer Risikokapitalbericht 2024. SECA & investiere.ch.
- Schweizer Startup-Radar. (2023). Schweizer Startup-Radar 2023: Wachstum und Innovationsmuster. Universität Basel & Swisscom.