Die Schweiz bricht weiterhin Rekorde in Sachen Patentaktivität. Im Jahr 2024 gingen beim Europäischen Patentamt 9’966 Anmeldungen aus der Schweiz ein, fast 40 Prozent mehr als 2015. Betrachtet man die Anzahl Anmeldungen pro Million Einwohner, liegt die Schweiz mit 1’140 weiterhin weit vor allen anderen Ländern. Im Vergleich dazu erreicht Schweden 472 und Deutschland 300, was zeigt, wie gross der Vorsprung der Schweiz tatsächlich ist.
Pharma und Biotechnologie sind jedoch nicht mehr die Haupttreiber dieses Anstiegs. Laut dem EPO-Patentindex entfielen im Jahr 2024 10,5 Prozent der Schweizer Anmeldungen auf Medizintechnik, 9,1 Prozent auf Messtechnik, 8,3 Prozent auf Konsumgüter und 8,2 Prozent auf Elektromaschinen. Auf Pharmazeutika entfielen 4,7 Prozent und auf Biotechnologie 4,3 Prozent. Die Innovation nimmt zu, aber der Schwerpunkt hat sich von den Pharmazeutika weg verlagert.
Ein vorübergehender Anstieg und eine Rückkehr zum Trend
Der Unterschied zur Pandemiezeit ist auffällig. Im Jahr 2021 meldete das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum ein starkes Wachstum bei Pharma- und Biotech-Patenten, die um 6,9 bzw. 6,6 Prozent stiegen, angetrieben durch die Impfstoffforschung und COVID-19-Therapeutika.
Seitdem haben sich die Anmeldungen wieder einem typischeren Muster angeglichen. Im Jahr 2024 gingen die Anmeldungen beim Schweizer EPA im Bereich Pharmazeutika im Vergleich zu 2023 um 13,2 Prozent zurück, während die Medizintechnik einen Rückgang von 3 Prozent verzeichnete. Wachstum gab es hingegen bei Elektromaschinen (+8,9 Prozent), Biotechnologie (+5,4 Prozent) und Transporttechnologien (+3,5 Prozent).
Europa zeigt eine ähnliche Entwicklung. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Anmeldungen im Bereich Medizintechnik beim EPA fast verdreifacht, während die Bereiche Pharmazeutika und Biotechnologie weitaus langsamer gewachsen sind.
Eine Biotechnologienation mit überwiegend ausländischem geistigem Eigentum
Die Schweiz hat einen bedeutenden Anteil an der Biotechnologie. Ein Großteil des zugrunde liegenden geistigen Eigentums stammt jedoch aus dem Ausland. Der Swiss Biotech Report 2024 zählt 21.651 aktive Biotech-Patentfamilien, die im Inland gültig sind, aber nur 8.701 stammen aus der Schweiz. Rund 88 Prozent der in der Schweiz validierten Biotech-Patente gehören ausländischen Unternehmen.
Dennoch hat die Innovation im Inland zugenommen. Frühere Analysen schätzten die Zahl der Biotech-Patentfamilien schweizerischen Ursprungs im Jahr 2017 auf etwa 3900, was rund 5,9 Prozent aller Schweizer Patentfamilien zu diesem Zeitpunkt entsprach.
Der Gesamtbestand an Patenten ist groß. Das IPI registrierte Ende 2022 151’137 in der Schweiz gültige Patente. Davon waren 145’587 validierte europäische Patente und 5’550 nationale Patente. Die Schweiz fungiert gleichzeitig als F&E-Zentrum und bevorzugter Validierungsstandort für globale Biotech-Portfolios.
Wirtschaftliches Gewicht weitaus größer als Patentanteil
Gemessen an ihrer wirtschaftlichen Bedeutung bleibt die Pharmaindustrie einer der Pfeiler der Schweizer Wirtschaft. Eine Studie von BAK Economics für Interpharma aus dem Jahr 2024 zeigt, dass fast jeder zehnte Franken des BIP entlang der Wertschöpfungsketten der Pharmaindustrie erwirtschaftet wird. Die reale Produktion der Branche hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht und in diesem Zeitraum mehr als 40 Prozent zum nationalen Wirtschaftswachstum beigetragen.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung unterstreichen diese Bedeutung. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik investierten Unternehmen im Jahr 2021 fast 17 Milliarden Franken in Forschung und Entwicklung; allein auf den Pharmasektor entfielen 6,2 Milliarden Franken, also rund ein Drittel der F&E-Ausgaben der Privatwirtschaft.
Die Exportbilanz zeigt dasselbe Bild. Chemikalien und Pharmazeutika machen durchweg rund die Hälfte der Schweizer Warenexporte aus, mit einem Jahreswert von über 100 Milliarden Franken. Würde man allein die Patentanteile als Indikator heranziehen, würde das wirtschaftliche Gewicht der Pharmaindustrie deutlich unterschätzt werden.
Deutschland und Frankreich bieten einen nützlichen Maßstab.
In absoluten Zahlen liegt die Schweiz bei den Patentanmeldungen knapp hinter den größten Volkswirtschaften Europas. Deutsche Anmelder reichten 2024 rund 25 000 EPO-Anmeldungen ein, französische Anmelder knapp 11 000. Mit 9966 Anmeldungen liegt die Schweiz trotz ihrer weitaus geringeren Bevölkerungszahl dicht hinter Frankreich.
Pro Kopf gesehen ist die Schweiz eine Klasse für sich. Mit 1’140 Anträgen pro Million Einwohner liegt das Land weit vor Deutschland mit rund 300 und Frankreich mit 160 bis 170 Anträgen.
Die industrielle Struktur erklärt einen Teil der Unterschiede. Die Patentaktivität in Deutschland wird von Maschinenbau, Automobiltechnologien, Elektromaschinen und Energiesystemen dominiert. Frankreich weist eine starke Konzentration auf Luft- und Raumfahrt, Energie und Chemie auf. Beide Länder beherbergen große Pharmakonzerne wie Bayer, Merck KGaA, Boehringer Ingelheim und Sanofi, aber die Biowissenschaften machen nur einen Teil ihrer gesamten Innovationsleistung aus.
Die Schweizer Wirtschaft hingegen ist stark in den Biowissenschaften verankert, während ihre Patentaktivitäten vielfältiger sind.
Unternehmensstrategien beeinflussen das beobachtete Patentvolumen
Große Schweizer Unternehmen verfügen über umfangreiche globale IP-Portfolios. In den EPO-Statistiken für 2024 erscheint Roche als größter Anmelder der Schweiz und zählt zu den aktivsten Unternehmen Europas im Bereich der Patentanmeldungen.
Patentanalysen schätzen, dass Roche für den Zeitraum 2009 bis 2023 weltweit rund 7’959 Patentfamilien und mehr als 80’000 erteilte Patente hält, darunter mehr als 10’000 europäische Patente. Novartis gibt in seinen Jahresberichten ähnlich umfangreiche Patentbestände bekannt, die innovative Medikamente, Biologika und Plattformtechnologien umfassen.
Ein Großteil dieser IP wird über internationale Tochtergesellschaften angemeldet, was die globalen F&E-Strukturen widerspiegelt. Nationale Statistiken erfassen daher nur einen Teil der in der Schweiz generierten Innovationsleistung.
Grundlegende Faktoren für die Zusammensetzung der Patente
Mehrere strukturelle Veränderungen erklären, warum die Zahl der Patente im Pharmabereich langsamer wächst als in anderen Bereichen.
- Erstens stützen sich moderne Medikamente, insbesondere Biologika, tendenziell auf weniger, aber breitere Patentfamilien. Analysen der OECD zeigen, dass steigende F&E-Ausgaben in der Pharmabranche mit einem vergleichsweise moderaten Anstieg der Patentzahlen einhergehen.
- Zweitens hat sich die Innovation im Gesundheitswesen zunehmend auf Geräte, Diagnostik, Software und Datenplattformen verlagert. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Anmeldungen beim EPA im Bereich Medizintechnik weitaus schneller gestiegen als im Bereich Pharmazeutika.
- Drittens ist die Schweizer Biotechnologie stark internationalisiert. Da 88 Prozent der aktiven Biotechnologiepatente von ausländischen Unternehmen gehalten werden, schwächt die Rolle der Schweiz als Validierungsmarkt die direkte Verbindung zwischen inländischer Forschung und inländischen Patentanmeldungen.
Viertens veranlassen der Preisdruck und die hohen Kosten der Arzneimittelentwicklung, die oft mehr als 2 Milliarden CHF pro neuem Medikament betragen, die Unternehmen dazu, starken, verteidigungsfähigen Patenten Vorrang vor der Anzahl der Anmeldungen zu geben.
Diese Faktoren tragen dazu bei, die Entwicklung der Daten zu erklären, ohne die wissenschaftliche oder wirtschaftliche Relevanz des Sektors zu schmälern.
Anhaltende Stärke bei sich verändernden Schwerpunkten
Die Schweizer Patentierung bleibt insgesamt außerordentlich stark, und das Land ist weiterhin weltweit führend auf Pro-Kopf-Basis. Pharmazeutika und Biotechnologie behalten ihre Bedeutung, sind jedoch nicht mehr die wichtigsten Triebkräfte in den Statistiken. Ihr Anteil an den EPO-Anmeldungen ist stabil bis rückläufig, und die neuesten Zahlen zeigen einen deutlichen Rückgang gegenüber dem durch die Pandemie bedingten Höchststand. Das Tempo des Innovationswachstums hat sich in Richtung Medizintechnik, Elektronik und Messtechnik verlagert.
Für die Schweiz hat dies zweierlei Auswirkungen. Die Pharmaindustrie bleibt eine der produktivsten und international wettbewerbsfähigsten Branchen des Landes und spielt eine zentrale Rolle für das BIP, den Export und die Forschung und Entwicklung. Gleichzeitig wird Innovation zunehmend interdisziplinär und von datengesteuerten Technologien geprägt. Die Herausforderung besteht darin, die Position der Schweiz als globaler Forschungs- und Entwicklungsstandort zu behaupten, während sich die Grenzen zwischen Pharmazeutika, Biotechnologie, Medizintechnik und digitaler Gesundheit weiter verschieben.
Referenzen (APA)
- BAK Economics. (2023). Wertschöpfung und Wachstumsbeitrag der Pharmaindustrie in der Schweiz. Interpharma. https://www.interpharma.ch
- Europäisches Patentamt. (2024). Patentindex 2024. EPA. https://www.epo.org
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- Bundesamt für Statistik (BFS). (2023). Forschung und Entwicklung in der Schweiz 2021. Bern: BFS.
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- Eidgenössisches Institut für Geistiges Eigentum (IGE). (2021). Patentaktivität in der Schweiz verzeichnet starkes Wachstum in den Bereichen Pharma und Biotechnologie. Bern: IGE.
- MedTech Europe. (2023). MedTech Innovation Data Hub. MedTech Europe.
- OECD. (2023). Wichtigste Indikatoren für Wissenschaft und Technologie (MSTI). OECD Publishing.
- Swiss Biotech Association. (2024). Swiss Biotech Report 2024. Swiss Biotech Association. https://www.swissbiotech.org
- Swiss Biotech Association. (2018). Schweizer Biotech-Patentaktivitäten: Historischer Überblick.
- WIPO. (2024). Weltweite Indikatoren für geistiges Eigentum 2024. Weltorganisation für geistiges Eigentum.
- Statista / Patentanalyseanbieter (z. B. LexisNexis PatentSight). (o. J.). Überblick über das globale Patentportfolio von Roche.
- Novartis AG Geschäftsbericht 2023. Novartis International AG. https://www.novartis.com
- Europäische Kommission. (2024). Europäischer Innovationsanzeiger 2024. GD Forschung und Innovation der Europäischen Kommission.