Laut dem Swiss Deep Tech Report und Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft haben Schweizer Deep-Tech-Firmen seit 2019 einen kumulierten Unternehmenswert von über 100 Milliarden Franken generiert und fast 60% des gesamten im Inland investierten Risikokapitals absorbiert. Diese Konzentration der Finanzierung signalisiert eine strukturelle Verschiebung innerhalb der Schweizer Innovationswirtschaft, in der ein wachsender Anteil der Wertschöpfung in kapitalintensiven, forschungsgeführten Unternehmen mit langen Entwicklungszyklen und hohen Eintrittsbarrieren verankert ist.
Institutionelle Grundlagen für ein kapitalintensives Modell
Der Aufstieg von Deep Tech als dominante Investitionskategorie spiegelt eher die institutionelle Konfiguration der Schweiz als die kurzfristige Marktdynamik wider. Die öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung erreichten im Jahr 2024 rund 25 Mrd. CHF, was etwa 3,4% des BIP entspricht, womit die Schweiz zu den F&E-intensivsten Volkswirtschaften der Welt gehört. Ein erheblicher Teil dieser Ausgaben entfällt auf Bundesinstitute, Hochschulen und öffentlich finanzierte Forschungsprogramme, insbesondere in der Grundlagenforschung und der angewandten Forschung, die direkt in die Deep-Tech-Pipelines einfliessen.
Dieses institutionelle Engagement schafft einen stetigen Nachschub an Technologien, deren Kommerzialisierung geduldiges Kapital und eine ausgefeilte Unternehmensführung erfordert. Im Gegensatz zu softwarebasierten Unternehmen sind Deep-Tech-Firmen auf Laborinfrastrukturen, Spezialgeräte und lange Validierungsphasen angewiesen. Die Schweizer Wirtschaftspolitik, die weitgehend technologieneutral ist und sektorspezifische Subventionen vermeidet, hat diese Modelle dennoch indirekt durch einen starken Schutz des geistigen Eigentums, ein berechenbares Gesellschaftsrecht und eine nachhaltige öffentliche Forschungsförderung begünstigt.
Kapitalallokation und Finanzierungsstrukturen
Risikokapitaldaten unterstreichen das besondere Finanzierungsprofil der Schweizer Deep-Tech-Branche. Die durchschnittlichen Transaktionsvolumina sind wesentlich höher als bei verbraucher- oder plattformbasierten Technologien, was einen höheren Vorlaufkapitalbedarf und längere Wege zum Umsatz widerspiegelt. Zwischen 2019 und 2025 entfällt der grösste Teil des in der Schweiz eingesetzten Risikokapitals auf Deep Tech, obwohl der Anteil an den gesamten Startup-Gründungen geringer ist.
Die Finanzierung in der Spätphase wird von internationalen Investoren dominiert. Branchenschätzungen zufolge werden etwa 96% der Finanzierungsrunden der Serie C und später von ausländischem Kapital angeführt, vor allem von nordamerikanischen und großen europäischen Fonds. Inländische institutionelle Anleger, einschließlich Pensionsfonds und Versicherer, beteiligen sich selektiv und oft indirekt aufgrund von aufsichtsrechtlichen Beschränkungen, Liquiditätsüberlegungen und internen Risikomodellen. Diese Finanzierungsasymmetrie verstärkt die Konzentration, da Unternehmen, die Zugang zu globalen Kapitalpools haben, schneller skalieren und einen unverhältnismäßig hohen Anteil an Ressourcen anziehen.
Anlegerverhalten und Marktanreize
Die Investoren bevorzugen zunehmend die technologische Verteidigungsfähigkeit gegenüber einer schnellen Marktdurchdringung. Deep-Tech-Unternehmen, die aus Schweizer Forschungseinrichtungen hervorgehen, weisen in der Regel ein langsameres Wachstum auf, profitieren aber von einer starken Position im Bereich des geistigen Eigentums und hohen Umstellungskosten, sobald die Produkte ausgereift sind. Dieses Profil passt zu Investoren, die bereit sind, verzögerte Renditen im Austausch für dauerhafte Wettbewerbsvorteile zu akzeptieren.
Gleichzeitig setzt die Abhängigkeit von internationalem Kapital die Schweizer Unternehmen den globalen Finanzierungszyklen aus. Zeiten knapperer Liquidität haben die Zeiträume für die Mittelbeschaffung verlängert, selbst wenn die zugrunde liegende Technologieentwicklung planmäßig verlief. Der daraus resultierende Druck hat die Kapitaldisziplin und die meilensteinbasierte Finanzierung verstärkt und begünstigt Unternehmen mit soliden Governance-Strukturen und glaubwürdigen langfristigen Strategien.
Evidenz aus Schweizer Betriebsmodellen
Aus den Veröffentlichungen von Schweizer Deep-Tech-Unternehmen lassen sich konsistente Muster bei den Kostenstrukturen und dem Kapitaleinsatz erkennen. Die Ausgaben sind stark auf Forschungspersonal, Ingenieurkapazitäten und die Entwicklung von geistigem Eigentum ausgerichtet, während die Betriebsmargen oft bis weit in die Kommerzialisierungsphase hinein negativ bleiben. Das Umsatzwachstum beschleunigt sich in der Regel erst, wenn behördliche Genehmigungen, industrielle Partnerschaften oder Verträge für den Einsatz in großem Maßstab vorliegen.
Die akademischen Ursprünge vieler Unternehmen bleiben auch nach der Gründungsphase wirtschaftlich relevant. Spin-offs der ETH Zürich und der EPFL unterhalten häufig enge Beziehungen zu ihren Mutterinstitutionen und haben Zugang zu Talenten, Infrastruktur und kooperativen Forschungsrahmenwerken. Diese Verbindungen verringern den Bedarf an Startkapital, beeinflussen aber auch die Unternehmensführung, da Investoren institutionelle Abhängigkeiten bei der Zusammensetzung des Vorstands und der strategischen Planung berücksichtigen.
Sektorbreite und Konzentrationseffekte
Während die Biowissenschaften in der Vergangenheit die Schweizer Deep-Tech-Branche dominierten, zeigen die jüngsten Investitionsströme eine zunehmende Diversifizierung. Künstliche Intelligenz, Dateninfrastruktur, Robotik und klimabezogene Technologien machen nun einen wachsenden Anteil des eingesetzten Kapitals aus. Diese Diversifizierung mindert das sektorspezifische Risiko, verwässert aber nicht die Gesamtkonzentration, da die Mittel zunehmend einer begrenzten Anzahl von Unternehmen zufließen, die in der Lage sind, auf großen, kapitalintensiven Märkten zu operieren.
Die sektorübergreifende Konvergenz verstärkt diesen Trend. Technologien wie KI-gestützte Industriesysteme oder Datenplattformen für die Modellierung von Umweltrisiken ziehen Kapital aus mehreren thematischen Mandaten an und ermöglichen es erfolgreichen Unternehmen, eine breitere Investorenbasis zu erschließen. Das Ergebnis ist ein Ökosystem, das sich durch weniger, größere Unternehmen mit bereichsübergreifenden technologischen Fähigkeiten auszeichnet.
Politischer Kontext und regulatorische Neutralität
Die Schweizer Innovationspolitik hat zu diesem Ergebnis eher durch Kontinuität als durch Intervention beigetragen. Das Fehlen gezielter Industriesubventionen begrenzt Verzerrungen bei der Kapitalallokation, während eine robuste Durchsetzung des geistigen Eigentums die erwarteten Erträge aus langfristigen Forschungsinvestitionen erhöht. Die Vorhersehbarkeit der Regulierung, insbesondere in Bereichen wie der Unternehmensführung und den Kapitalmärkten, verringert die Unsicherheit für Investoren, die über längere Zeiträume hinweg Gelder investieren.
Gleichzeitig verkürzt die Angleichung an internationale Normen die Markteinführungszeit. Deep-Tech-Firmen, die in den Bereichen Klimatechnologie, Robotik oder datenintensive Anwendungen tätig sind, müssen sich mit Zertifizierungs- und Compliance-Regelungen in verschiedenen Rechtsordnungen auseinandersetzen. Während der regulatorische Rahmen der Schweiz als stabil gilt, können globale Anpassungsanforderungen die Entwicklungszeiten verlängern und den Kapitalbedarf erhöhen, was die Eintrittsbarrieren verstärkt.
Sachzwänge und strukturelle Abwägungen
Die Kapitalkonzentration in der Schweizer Deep-Tech-Branche bringt Kompromisse mit sich. Die begrenzte inländische Beteiligung an Finanzierungen in der Spätphase schränkt den lokalen Werterhalt und den Einfluss auf die strategische Ausrichtung ein. Arbeitsmarktdaten des Bundesamts für Statistik zeigen, dass das Lohnwachstum für spezialisierte Ingenieur- und Datenberufe über dem nationalen Durchschnitt liegt, was den Wettbewerb um Talente verschärft und die Betriebskosten erhöht.
Kleinere Unternehmen stehen vor besonderen Herausforderungen. Hohe Fixkosten und lange Entwicklungszyklen drücken die Gewinnspannen und verringern die Toleranz für Experimente. Infolgedessen hängen die Aktivitäten in der Frühphase zunehmend von öffentlicher Forschungsförderung und selektiver Risikofinanzierung ab, während sich die marktbasierte Skalierung auf eine kleinere Gruppe von Unternehmen konzentriert.
Auswirkungen auf das Innovationssystem
Diese Dynamik deutet auf ein reifendes Ökosystem hin, das eher durch Konsolidierung als durch Ausbreitung gekennzeichnet ist. Das Kapital wird in Unternehmen gelenkt, die in der Lage sind, große Investitionen zu absorbieren und in globalem Maßstab zu operieren, wodurch die durchschnittliche Unternehmensgröße und die strategische Bedeutung zunehmen. Für die politischen Entscheidungsträger besteht die Herausforderung darin, die Vielfalt und Experimentierfreudigkeit in der Forschungs- und Startphase zu erhalten und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Scale-up-Fähigkeiten in der Schweiz verankert bleiben.
Die Entwicklung der Schweizer Deep-Tech-Branche wird von der Widerstandsfähigkeit ihrer institutionellen Grundlagen inmitten der globalen Volatilität abhängen. Eine nachhaltige Forschungsfinanzierung, eine vorhersehbare Regulierung und der Zugang zu internationalem Kapital haben bisher ein kohärentes System gebildet, das Innovationen mit langfristiger Perspektive unterstützt. Die Dauerhaftigkeit dieses Modells wird weniger an der Höhe der Finanzmittel gemessen werden als an seiner Fähigkeit, konzentriertes Kapital in nachhaltigen wirtschaftlichen Wert und international wettbewerbsfähige Unternehmen umzuwandeln.
Referenzen (APA)
- Deep Tech Nation Schweiz. (2025). Schweizer Deep Tech Bericht 2025. deeptechnation.ch/resources/swiss-deep-tech-report-2025/
- Swiss Global Enterprise. (2025). Die Schweiz ist eine der führenden Deep-Tech-Nationen der Welt. s-ge.com/de/article/news/20252-ranking-switzerland-one-worlds-leading-deep-tech-nations
- Schweizer Startup Verband. (2025). Swiss Deep Tech Report 2025 - Fünf strukturelle Signale für die Schweizer Startup-Szene. swissstartupassociation.ch/2025/06/27/deep-tech-report-2025/
- Schweiz Global Enterprise. (2025). Schweiz führt Europa bei Deep-Tech- und Life-Sciences-Startups an. s-ge.com/de/article/news/20252-ranking-switzerland-leads-europe-deep-tech-and-life-sciences-startups
- Startup Weekly. (2025). Report Switzerland ranked first in Europe for deep tech venture capital funding from 2019 to 2025. startup-weekly.com/Report-Switzerland-ranked-first-in-Europe-for-Deeptech-VC-funding-from-2019-to-2025