Derzeit werden mehr als 4 Milliarden Franken an Krypto-bezogenen Kundenvermögen von Institutionen unter der Aufsicht der FINMA verwaltet – ein Umfang, der den vor sechs Jahren für Fintechs geschaffenen Rechtsrahmen übersteigt. Der Bundesrat hat daher eine Revision des Finanzinstitutsgesetzes vorgeschlagen, mit der die bestehende Fintech-Lizenz abgeschafft und zwei neue Bewilligungssysteme eingeführt werden sollen, wodurch die Ausgabe von Stablecoins und Krypto-Asset-Dienstleistungen formell in das Schweizer Finanzmarktrecht integriert werden.
Von einer Nischenaktivität zu einem politikrelevanten Marktsegment
Digitale Vermögenswerte haben sich vom Randbereich des Schweizer Finanzsystems in Bereiche mit direkter regulatorischer Relevanz verlagert. Nach Angaben des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen beherbergt die Schweiz mehr als 1 200 Blockchain-Unternehmen, während die FINMA mittlerweile über 70 Institutionen beaufsichtigt, bei denen die Verwahrung, der Handel oder die Tokenisierung von Kryptowährungen einen wesentlichen Teil ihrer Tätigkeit ausmachen. Diese Unternehmen stehen in Wechselwirkung mit Banken, Zahlungssystemen und institutionellen Anlegern, wodurch sich das Potenzial für Spillover-Effekte über den Kryptosektor hinaus erhöht.
Der bestehende Rechtsrahmen hat Mühe, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Die 2019 eingeführte Fintech-Lizenz war für kleine Innovationen mit begrenztem Bilanzrisiko konzipiert. Seitdem haben Stablecoin-Emittenten und Krypto-Dienstleister an Volumen und Komplexität zugenommen und stützen sich oft eher auf die Auslegung durch die Aufsichtsbehörden als auf explizite gesetzliche Vorschriften. Die Vernehmlassung des Bundesrats zielt darauf ab, diese Diskrepanz zu beheben, indem die Regulierung stärker an die wirtschaftliche Funktion angepasst wird.
Die Neugestaltung der Regulierungslandschaft
Kernstück der Reform ist die Schaffung zweier neuer Kategorien zugelassener Institute. Zahlungsinstrumenteinrichtungen würden die Ausgabe von Stablecoins und ähnlichen digitalen Zahlungsmitteln abdecken, während Kryptoeinrichtungen die Verwahrung, Maklergeschäfte, Handelsplätze und damit verbundene Infrastrukturdienstleistungen umfassen würden. Diese Trennung spiegelt die Einschätzung wider, dass sich die mit Zahlungen verbundenen Risiken von denen unterscheiden, die bei Handels- und Verwahrungsaktivitäten entstehen.
Bei Stablecoins steht die Rechtssicherheit im Vordergrund. Die Konsultationsdokumente weisen auf ungelöste Fragen hinsichtlich der Behandlung bei Insolvenz, Rückkaufrechten und der Sicherung von Reservevermögen hin. Durch die direkte Verankerung von Trennungsanforderungen und Governance-Standards im Gesetz wollen die politischen Entscheidungsträger das Risiko verringern, dass ein Ausfall auf Emittentenebene das Vertrauen in Zahlungsvereinbarungen untergräbt oder weitreichende Reputationsschäden für den Finanzplatz Schweiz nach sich zieht.
Kapitalanforderungen und Bilanzdisziplin
Die Ersetzung der Fintech-Lizenz verändert auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Emission von Stablecoins. Nach den geltenden Vorschriften ist das Eigenkapital unabhängig vom Transaktionsvolumen oder den ausstehenden Verbindlichkeiten auf 3 Millionen Franken begrenzt. Der Bundesrat hält diese Obergrenze für Emittenten, die große Zahlungsströme abwickeln, für unzureichend. Die vorgeschlagene Regelung würde das Mindestkapital an den Wert der emittierten Instrumente koppeln und damit weitgehend die Diskussionen im Finanzstabilitätsrat und im Ausschuss für Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen widerspiegeln.
Auf Systemebene sind die Auswirkungen in einem Bankensektor mit einem Gesamtvermögen von rund 3’400 Milliarden Franken gering. Auf Unternehmensebene sind die Auswirkungen jedoch erheblich. Eine höhere Kapitalintensität erhöht die Finanzierungskosten und verringert die Verschuldung, was kapitalstarken Akteuren und Institutionen mit Zugang zu langfristigem Kapital zugutekommt. Kleinere Emittenten stehen unter Druck, ihre Geschäftsmodelle anzupassen oder Partnerschaften einzugehen, was die bereits in diesem Sektor zu beobachtenden Konsolidierungstendenzen verstärkt.
Aufsichtsrechtliche Erwartungen vor der Gesetzesänderung
Die FINMA hat ihren Ansatz unter Anwendung bestehender Gesetze bereits verschärft. In einer 2024 veröffentlichten Wegleitung stellte die Behörde klar, dass die meisten fiat-referenzierten Stablecoins Forderungen gegenüber dem Emittenten darstellen und je nach Art der Verwaltung der Reserven unter das Bank- oder Kollektivanlagengesetz fallen können. Die FINMA bekräftigte zudem, dass die Pflichten zur Bekämpfung der Geldwäscherei umfassend gelten, einschliesslich der Know-your-Customer-Anforderungen, wenn die Token-Inhaber identifiziert werden können.
Branchenverbände kritisieren diese Haltung als belastend und argumentieren, dass allgemeine KYC-Anforderungen die Effizienz von Zahlungstoken beeinträchtigen und die Wettbewerbsposition der Schweiz schwächen. Die FINMA entgegnet, dass die grenzüberschreitenden Finanzströme für das Land mit besonders hohen Reputations- und Rechtsrisiken verbunden sind, was eine vorsichtige Auslegung rechtfertigt, bis das Parlament klarere gesetzliche Grenzen setzt.
Kapitalmärkte und Anlegerverhalten
Investitionsdaten deuten darauf hin, dass regulatorische Klarheit einen messbaren Einfluss auf die Kapitalallokation hat. Die Risikokapitalinvestitionen in Schweizer Krypto- und Blockchain-Unternehmen gingen zwischen 2022 und 2024 stark zurück, was zwar der globalen Marktkorrektur entsprach, aber durch die Rechtsunsicherheit noch verstärkt wurde. Nach Angaben des SECO stabilisierte sich die Aktivität im Jahr 2025, als die Konturen eines neuen Rahmens sichtbar wurden, obwohl das Volumen deutlich unter dem Höchststand von 2021 blieb.
Institutionelle Anleger gehen weiterhin selektiv an diesen Sektor heran. Pensionsfonds unterliegen regulatorischen Beschränkungen für alternative Anlagen, und Stablecoins lassen sich noch nicht eindeutig in bestehende Kategorien einordnen. Dennoch deuten Angaben von Schweizer Vermögensverwaltern auf ein wachsendes Interesse an einer regulierten Stablecoin-Infrastruktur hin, um das Abwicklungsrisiko und die Betriebskosten in tokenisierten Wertpapiermärkten zu reduzieren. Der Reiz liegt dabei eher in der Effizienz und im Risikomanagement als in spekulativen Renditen.
Beweise von Schweizer regulierten Institutionen
Öffentliche Bekanntmachungen von FINMA-beaufsichtigten Digital Asset Banks zeigen, wie die Regulierung Geschäftsmodelle verändert. Bei einigen Instituten übersteigen die Einnahmen aus Verwahrungs-, Tokenisierungs- und Infrastrukturdienstleistungen mittlerweile die Handelserträge, was eine Verlagerung hin zu nutzungsbasierten Aktivitäten widerspiegelt. Compliance-, Rechts- und Risikomanagementfunktionen machen oft mehr als 25% der Belegschaft aus, ein höherer Anteil als im traditionellen Private Banking.
Diese Zahlen unterstreichen die Kosten, die mit einer Tätigkeit innerhalb des Schweizer Regulierungsrahmens verbunden sind. Größe, Governance-Kapazitäten und Zugang zu Kapital werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren, während sich kleinere Unternehmen zunehmend auf die Bereitstellung von Technologie statt auf die direkte Finanzintermediation konzentrieren. Das Ergebnis ist eine allmähliche Schichtung des Marktes zwischen Infrastrukturanbietern und regulierten Intermediären.
Internationale Angleichung und Wettbewerbszwänge
Die Schweizer Reform vollzieht sich vor einem fragmentierten internationalen Hintergrund. Die Verordnung der Europäischen Union über Märkte für Krypto-Assets schafft ein harmonisiertes Regelwerk, schreibt jedoch Emissionsobergrenzen und detaillierte Governance-Anforderungen vor. Die Vereinigten Staaten setzen weiterhin auf eine Mischung aus staatlicher und bundesstaatlicher Aufsicht. Für die Schweiz birgt diese Divergenz wirtschaftliche Risiken, darunter eingeschränkter Marktzugang und höhere Compliance-Kosten für grenzüberschreitende Geschäfte.
Die Dokumente des Bundesrats verweisen ausdrücklich auf die Standards des Finanzstabilitätsrats und signalisieren damit die Absicht, Interoperabilität und Zusammenarbeit bei der Aufsicht sicherzustellen. Angesichts der Bedeutung grenzüberschreitender Zahlungen und der Vermögensverwaltung für die Schweizer Wirtschaft wird die Angleichung an globale Erwartungen weniger als politische Entscheidung denn als Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der internationalen Rolle des Finanzplatzes betrachtet.
Innovation, Resilienz und politische Kompromisse
Im Kern spiegelt die Reform einen bekannten Schweizer Kompromiss zwischen Innovationsfreudigkeit und systemischer Widerstandsfähigkeit wider. Stablecoins und tokenisierte Vermögenswerte versprechen eine schnellere Abwicklung und programmierbare Funktionen, konzentrieren jedoch auch das Betriebs- und Governance-Risiko auf private Emittenten. Die Schweiz hat sich gegen eine digitale Zentralbankwährung für den Einzelhandel entschieden und setzt stattdessen verstärkt auf private Lösungen in einem streng überwachten Umfeld.
Kritiker warnen, dass höhere regulatorische Schwellenwerte Experimente verhindern und Aktivitäten ins Ausland verlagern könnten. Befürworter halten dem entgegen, dass der komparative Vorteil der Schweiz eher in der Rechtssicherheit und der vertrauenswürdigen Infrastruktur als in einer raschen Expansion auf Verbraucherebene liegt. Die bisherigen Erfahrungen im Bereich der Vermögensverwaltung und des Private Banking deuten darauf hin, dass die Politik Tiefe und Stabilität gegenüber Geschwindigkeit priorisiert.
Institutionelle Konsequenzen über den Legislaturzyklus hinweg
Wenn das revidierte Finanzinstitutsgesetz verabschiedet wird, könnte es 2027 in Kraft treten, mit Übergangsregelungen für bestehende Lizenzinhaber. Die Zahl der zugelassenen Krypto-Institutionen dürfte sinken, während ihre durchschnittliche Größe und systemische Relevanz zunehmen werden. Klarere Regeln könnten Tokenisierungsinitiativen beschleunigen, die sich für die Abwicklung auf Stablecoins stützen, insbesondere in Segmenten, in denen das Schweizer Recht bereits digitale Register unterstützt.
Die längerfristigen Auswirkungen werden von der Umsetzung durch die Aufsichtsbehörden und der Anpassung des Marktes abhängen. Durch die Einbettung digitaler Vermögenswerte in etablierte Rechtsstrukturen definiert die Schweiz die institutionellen Grenzen ihres Finanzplatzes neu, anstatt eine bestimmte Technologie zu befürworten. Der Erfolg der Reform wird daran gemessen werden, inwieweit sie die Finanzstabilität, die Glaubwürdigkeit der Regulierung und eine effiziente Kapitalallokation gewährleisten kann, während digitale Instrumente immer enger mit den Kernaktivitäten des Finanzsektors verflochten werden.
Referenzen (APA)
- Federal Department of Finance. (2025). Fact sheet on new stablecoin and crypto regulation in Switzerland. https://www.sif.admin.ch/dam/en/sd-web/dUviLBIEgTjT/Faktenblatt%20Stablecoins%20EN.pdf
- PricewaterhouseCoopers. (2025). Überblick über regulatorische Entwicklungen im Bereich Fintech und Kryptowährungen, einschließlich Stablecoins. https://www.pwc.ch/en/publications/2025/pwc_overview_regulatory_developments_en_202505.pdf
- Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA). (2024). FINMA-Leitfaden zu Stablecoins und regulatorischen Erwartungen. https://www.finma.ch/en/~/media/finma/dokumente/dokumentencenter/myfinma/4dokumentation/finma-aufsichtsmitteilungen/20240726-finma-aufsichtsmitteilung-06-2024.pdf
- Swiss Blockchain Federation. (2025). Reaktion der Branche auf die Anforderungen der FINMA an Stablecoins. https://blockchainfederation.ch/en/swiss-blockchain-federation-criticizes-finmas-supervisory-communication-on-stablecoins/
- Eidgenössisches Finanzdepartement. (2025). Statusbericht zur digitalen Finanzwirtschaft in der Schweiz. https://www.esa.admin.ch/en/newnsb/Vp9zKJ-CEftGQHbL9xXbb